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Unvergessen | Demenz als Chance für das Evangelium | Christsein Heute

Unvergessen

Demenz als Chance für das Evangelium

Das Editorial der Christsein Heute 5/26 für euch als Teaser.

Mitten während der Predigt am Sonntagmorgen stand er auf, holte tief Luft und rief: „Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß. Aller Zunge soll bekennen, Jesus sei der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.“ Mit der besonderen Betonung auf „Jesus“ und „Ehre“ zitierte Willi (Name geändert) inbrünstig die erste Strophe des Liedes von Philipp Friedrich Hiller von 1755. Dann setzte er sich wieder hin – und ich konnte weiter predigen.

Tragende Gemeinschaft?

Willi war Teil einer kleinen FeG, in der ich meine erste Dienststelle als Pastor verbracht habe. Er war dement und dennoch selbstverständlich im Gottesdienst mit dabei. Mich hat es als junger Pastor zunächst sehr irritiert, dass jemand meine Predigt unterbrach.

Später verstand ich das als Auszeichnung der Gemeinde. Denn die Anwesenheit von Willi war Ausdruck einer familiären Glaubensgemeinschaft, die Menschen mit Demenz mitgetragen und ausgehalten hat. Sicherlich – es gibt auch schwierige Ausdrucksweisen von Personen mit Beeinträchtigungen, die nicht verträglich mit einer gottesdienstlichen Veranstaltung sind. Doch am Umgang mit den Schwächsten zeigt sich, wie es um eine Gemeinde, Gruppe oder um die Gesellschaft bestellt ist.

Demenz ist und wird Thema

Warum bringen wir das Thema „Demenz“ in der FeG-Zeitschrift? Die Gründe liegen auf der Hand: Unser Gesellschaft wird älter. Die geburtenstarken Jahrgänge der 60er-Jahre erreichen den Ruhestand. Mit der steigenden Lebenserwartung sind auch mehr demenzerkrankte Personen in unseren Familien und Gemeinden zu erwarten.

Es gibt genug demografische – aber auch biblisch-theologische – Gründe, warum wir uns als FeGs mit dem Thema Demenz auseinandersetzen sollten. Denn das Evangelium von Jesus Christus gilt nicht nur den Menschen, die es intellektuell (noch) erfassen können. Sondern auch denen, deren Glaube von der Gemeinschaft der Glaubenden mitgetragen wird – Glaube, der hier und da mal bewusst und wach aufblitzt.

Geschwister präsent halten

Unser Vater im Himmel kann beides: vergessen und nicht vergessen. An die Sünde seiner Menschen gedenkt er nicht mehr (vgl. Micha 7,19 | Hebräer 8,12; 10,17). Gleichzeitig vergisst er seine Menschen nicht (vgl. Daniel 12,1 | Lukas 10,20). Davon können wir lernen, denn wir dürfen Menschen, die einmal aktiver Teil unsere Gemeinschaft gewesen sind, nicht vergessen oder wegschieben. Wir sollten nach Wegen und Möglichkeiten suchen, wie sie möglichst lang in unseren Reihen präsent bleiben können – auch wenn geistige Fähigkeiten und Kräfte schwinden.

Dankbar bin ich für die Impulse in dieser Ausgabe von CHRISTSEIN HEUTE. Sie sollen Gemeinden helfen, dass Hauptamtliche, Gemeindeleitungen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Räume schaffen, die betroffenen Menschen und ihren Angehörigen eine echte (Glaubens-)Hilfe sind. Dankbar bin ich für die Expertise der Diakonie Bethanien: Seit Jahrzehnten steht unser FeG-Bundeswerk Betroffenen, Angehörigen und Gemeinden mit Informationen, Rat und Tat zur Seite.

Unvergessenes Evangelium

Willi ist ein Jahr nach meinem Dienstbeginn verstorben. Natürlich haben wir auf seiner Beerdigung das Lied „Jesus Christus herrscht als König“ gesungen. Diese ersten Zeilen des Liedes reichen zum Leben und zum Sterben und sind seit seiner Unterbrechung für mich wie eine Predigt in der Predigt – Reden Gottes mitten in meiner Verkündigung.

Was wäre, wenn ich dement werden würde: Was würde ich mir wünschen, wie meine Gemeinde dann mit mir umgeht? Vielleicht ist diese Frage schon ein Schlüssel dafür, wie wir heute mit von Demenz betroffenen Menschen und deren Angehörigen in unseren Reihen umgehen sollten. Damit das Evangelium von Jesus Christus immer wieder hell und klar aufleuchtet. Ich hoffe und bete, dass diese Ausgabe der FeG-Zeitschrift Ihnen unvergessliche Impulse dafür liefert. Liebe Grüße und Segen aus Witten.

ARTUR WIEBE | Redaktionsleiter CHRISTSENI HEUTE
christsein-heute.de

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