Überraschend neu
Bibelarbeit zur Jahreslosung
Gesche Tuchtfeld-Haug erfährt die Jahreslosung überraschend neu und buchstabiert sie für sich und die Gemeinde vor Ort durch. Die Pastorin und Doktorandin entdeckt dabei das gemeinsame Abendmahl als Möglichkeit, wo etwas durch Gottes Gnade neu werden darf.
Dank der Lautsprecheranlage klingen die Worte bis vor die Kapellentür nach draußen: „Voller Hoffnung auf Gottes Liebe und Barmherzigkeit nehmen wir nun Abschied von der Verstorbenen und vertrauen auf den Gott, der spricht: Siehe, ich mache alles neu.“ Bisher sprach ich diesen Vers aus Offenbarung 21,5 Trauergemeinden zu, legte ihn in kurzen Beerdigungspredigten für sie aus. Jetzt begegnet mir der Vers neu. Spricht mich an. Nicht als Vers am Ende des Lebens, sondern als Zubrot für das neue Jahr.
Wegzehrung für das Jahr
Dieser Text ist eine Einladung, die Losung nicht nur zu betrachten, sondern sie zu verinnerlichen. Ihr nachzuschmecken, wie einem guten Wein. Schluck für Schluck. Sie kräftig zu kauen, wie knuspriges, frisch gebackenes Brot. Stück für Stück. Die Losung als Wegzehrung durch dieses Jahr. Wort für Wort.
1. Siehe
„Siehe“ – dieses kleine Wort eröffnet die Losung. „Siehe“ – dieses Wort ist in den Evangelien immer wie ein großes Hinweisschild: „Achtung! Jetzt passiert wieder etwas Wichtiges.“ „Siehe“ – das ist das eindringliche Schultertippen von einem Gott, der weiß, wie oft wir Veraltetem und Vergangenem, Vorletzten eben, nachblicken. Wir als Einzelne in Blick auf unsere Biografie, aber auch wir als Gemeinde(n), die unsere Hände tatkräftig am Pflug haben und doch zurückschauen.
Lebendiger Gott, sprich du uns an. Herr, öffne du uns die Augen: In das neue Jahr mit offenem, wachem Blick für die Menschen, die du schenkst; für die Orte, an die du uns schickt; für den Weg, auf dem du uns entgegenkommst.
2. Ich
„Ich“ – sagt Gott. „Siehe, ich mache alles neu.“ Die Jahreslosung hat nicht mich zum Subjekt, zum Zentrum, sondern den dreieinen Gott. Mag dies auch mein Ego kränken, so spüre ich dennoch die Erleichterung, die dieses Wort mir bereitet. Statt endloser Arbeit an mir, meinen Beziehungen, meiner Gemeinde, richtet die Jahreslosung unseren Blick neu aus:
Es ist Gott, der spricht. Es ist Christus, der lebt. Es ist Gottes Geist, der wirkt. Er hat die Welt geschaffen. Er ist Mensch geworden. Er hat uns erlöst. Er leitet seine Gemeinde und seine Welt.
3. Mache
„Siehe, ich mache alles neu.“ Machen, ein etwas unspezifisches, aber dafür das vielleicht umfassendste Wort für Aktivsein. Gott macht alles neu. Auf umfassende Weise wirkt er in und an dieser Welt, seiner Gemeinde, seinen Menschen.
Neu machen, das erinnert daran: Erneuerung ist ein Prozess. Gottes Erneuerung ist dynamisch statt statisch. Er legt keinen Schalter um – und dann hat er aus alt neu gezaubert, sondern der Geist Gottes schenkt neues Leben, er ruft auf den Weg der Nachfolge und er stärkt unsere Hoffnung auf Vollendung, auf die ungebrochene Gemeinschaft in Christus. Und dazwischen? Zwischen Schöpfung und Vollendung? Da liegt das Machen Gottes – und seines Geistes.
Diese Erneuerung will Gott nicht an uns vorbei „machen“, sondern mit uns und durch uns. Da schenkt der Heilige Geist uns seine Gaben. Da schenkt er uns Kraft, diese Gaben zu entdecken, zu entfalten und füreinander einzusetzen. Der Geist Gottes ermöglicht „cooperatio dei“ – also: „Zusammenarbeit von Gott und Mensch“. Wo wir – bewusst oder unbewusst – einander den Willen Gottes tun, da erneuert Gottes Geist unsere Gemeinschaft, da stärken wir einander den Glauben, da wachsen neue Beziehungen.
Lebendiger Gott, wirke du an uns. Herr, öffne du uns die Augen: In das neue Jahr mit offenem, wachem Blick für dein Machen in dieser Welt; für die Orte, wo du neues Leben schenkst; für den Weg, auf dem du uns entgegenkommst für die Taten, durch die du wirkst.
4. Alles
„Siehe, ich mache alles neu.“ Alles. Himmel und Erde und alles darin soll erneuert werden. Gott, die liebende Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist, hat diese Welt als ein Beziehungsgeflecht geschaffen. Wenn wir „alles“ in den Blick nehmen, zeigen sich unterschiedliche Grunddimensionen:
- Gottesbezug: Als Gemeinde leben wir auf eine Zukunft hin, in der wir Gott „von Angesicht zu Angesicht“ begegnen (1. Korinther 13,12). Gott wird Mensch: Jesus – Christus. Diese Botschaft ist der Kern christlichen Glaubens und diese Botschaft ist der Inbegriff der erneuerten, errungenen, erlittenen und erstrittenen Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch. Und wir sind darin heilsam mit hineingenommen, eingeladen in ein neues Gottesverhältnis.
- Zwischenmenschliche Beziehungen: Aus der verändernden Gottesbeziehung heraus verbindet Christus uns neu mit dem anderen. Durch Christus wird er uns zum Mit-Menschen und durch Christus wird Gemeinde zu einer Weggemeinschaft. Keine Gemeinschaft der Perfekten, keine Gemeinschaft derer, die schon im Himmel leben, sondern eine Gemeinschaft derer, die als gerechtfertigte Sünder ihre Grenzen, ihrer Bedürftigkeit und ihre anvertrauten Gaben aufspüren.
- Schöpfungsbezug: Auch die nichtmenschliche Schöpfung harrt auf Erneuerung, sie sehnt sich in „der Knechtschaft der Vergänglichkeit [nach] der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (Römer 8,19–23). Es braucht: ein verändertes Bewusstsein, ein Bewusstsein für die wechselseitige Abhängigkeit von menschlicher und nichtmenschlicher Schöpfung, einen neuen Umgang mit ihr und es braucht mehr Genügsamkeit, damit alle in den Genuss der Güte und Fülle der Schöpfung kommen können. Da, wo der Geist Gottes unser Handeln mit Geschöpflichem prägt – im Gebrauch, im Gestalten, im Genießen – keimt die neue Schöpfung auf.
- Selbstverhältnis: Die alles umfassende Erneuerung Gottes schließt auch ein, wie ich mich selbst sehe, mein Selbstverhältnis. Wer bin ich wirklich? Was für einen Menschen macht Gott aus mir? Das kann ich jetzt nur stückweise erkennen, „dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ (1. Korinther 13,12). In erneuerten Beziehungen werden auch wir selbst erneuert.
Unsere wahre Identität liegt in Christus – und erst in der ungebrochenen Gemeinschaft mit ihm erkennen wir unser wahres Selbst. Die Beziehung zu Gott. Die Beziehung zu Mit-Menschen. Die Beziehung zur (nichtmenschlichen) Schöpfung. Die Beziehung zu uns selbst. Gute Schöpfung Gottes. Teil der gefallenen Welt. Erlösungsbedürftig. Sehnsüchtig nach Erneuerung.
5. Neu
„Siehe, ich mache alles neu.“ Neu. Uns erwartet Unbekanntes, noch nicht Entstandenes, Zukunft in neuer Qualität. Dieses Neue ist nicht die Summe aller Anstrengungen, es endlich besser zu machen. Dieses Neue ist auch kein zweiter Versuch Gottes, nachdem er den ersten für unbrauchbar erklärte. Und dieser Erneuerung ist auch kein Ertrinken in kitschiger Harmonie-Soße. Das alles wäre vielleicht das Erwartbare – von manchen das Erhoffte, von anderen das Befürchtete. Doch immer das, was innerhalb unseres Erwartungshorizonts liegt.
Aber Gottes Erneuerung überrascht, er weitet unseren Horizont von dem, was wir Menschen für möglich halten. Er kommt auf uns zu. Er kommt vom Himmel auf die Erde, um hier sein Reich mitten in dieser Welt zu bauen. Um bei uns Wohnung zu nehmen. Diese „Wohnung Gottes bei den Menschen“ (Offenbarung 21,3) baut er, ohne erst auf unsere Baugenehmigung zu warten. Zwischen Wohnungslosen mitten in den überfüllten Großstädten; bei Einsamen, wo rechts und links nur Leerstand herrscht; in Großkonzernen, wo das Klima unter dem Gefrierpunkt liegt.
Dort zieht Gott ein. Gottes Einzug verheißt sein heilsames Richten, verheißt die Ausrichtung von allem auf ihn. Er schenkt letztgültige Erneuerung. Er weint unsere Tränen und er trocknet sie. Er erlebt unseren Tod und überwindet ihn. Er fühlt unseren Schmerz und lindert ihn.
Gott überrascht
Unserer Glaubenserfahrung zeigt uns rückblickend, wie oft Gott überrascht. Wie oft er seit biblischen Zeiten bis in die Gegenwart doch noch Wege geschenkt hat, obwohl wir keinen Ausweg sahen. Wo er Liebe wachsen ließ, obwohl so viel Hass gesät wurde. Wo unsere Welt zusammenbrach und doch im Morgengrauen einer neuen Zeitrechnung der Auferstandene zu uns spricht.
Schon jetzt ist Christus in diese Welt gekommen – noch nicht ist er wiedergekommen. Glauben heißt hoffen, glauben heißt, sich sehnen nach dem Gott „der da ist und der da war und der da kommt.“ (Offenbarung 1,8 | LUT)
Abendmahl als Erneuerung
Das Abendmahl kann als Zentrum der umfassenden Erneuerung gelten, die Gott schenkt. Im Abendmahl empfangen wir Wegzehrung für unser Leben, sehen und schmecken wir den Gott, der sich uns selbst schenkt.
Hier ein praktischer Impuls für das Gemeindeleben:
- Wählt Wein/Saft und Brot einmal ganz bewusst aus. Presst und keltert die Trauben zusammen – oder macht einen schöpfungsgenießenden Ausflug auf ein Weingut. Backt vielleicht sogar gemeinsam im Gemeindehaus euer eigenes Abendmahlsbrot.
- Wenn ihr dann Abendmahl feiert, seht einander an, empfangt die Gaben und reicht sie weiter, hört und sprecht zu: Kelch des Heils. Brot des Lebens. Christus für dich.
- So wird dieser Prozess des Abendmahlfeierns – vom Zusammensuchen von Mehl, Salz und Trauben bis hin zum abschließenden Abwasch – zu einem Lichtstrahl erneuender Gemeinschaft.
Erneuernd kann die Abendmahlsfeier sein,
- weil sie die Sehnsucht nach dem dreieinen Gott stärkt,
- weil sie uns für noch unbekannte Gesichter öffnet und wir sie willkommen heißen,
- weil hier aus gegeneinander miteinander wird,
- weil sie uns mit Menschen verbindet, die sonst gar nicht Teil des eigenen Horizontes wären: Menschen anderer Generationen, anderer Herkunft, anderer Berufsgruppen.
Lebendige Gemeinde – über gesellschaftliche Grenzen und innere Erwartungshorizonte hinweg. Überraschend neu.
GESCHE TUCHTFELD-HAUG | Pastorin im Bund FeG, lebt in Dortmund und forscht
aktuell in ihrer Doktorarbeit zu christlichen Perspektiven auf Arbeit und Arbeitskritik.
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