Juli 1. 2026 | Aktuell Allgemein CHRISTSEIN HEUTE FeG-Präses Gemeindeleben Gemeinden Presse

FeG-Präses | Zukunftsmut

Zukunftsmut

Die Gemeinde in Antiochia macht uns vor, was das bedeutet

Henrik Otto macht Lust darauf, Gemeinden für eine neue Zeit zu bauen. In seiner Predigt bei „Mutig Miteinander“ malt der FeG-Präses anhand von Apostelgeschichte 11,19–30 und Apostelgeschichte 13,1–3 dafür sechs Perspektiven vor Augen, wie Gemeinden der herausfordernden Zukunft begegnen können. Wir veröffentlichen in den FeG-Medien eine leicht gekürzte Version.

Bei „Mutig Miteinander“ habe ich gelernt: „Mutig sein alleine reicht nicht, es braucht auch einen klaren Weg in die Zukunft, einen Weg, den man gehen kann.“ Das wird in Zeiten wie diesen sicher ein mutiger Weg sein, aber eben ein Weg – mit Richtung und klaren Schritten. Nur so macht es Sinn, ein Risiko einzugehen. Gefragt sind also „Will-Power“ (Mut) und „Way-Power“ (ein Weg). Eines allein reicht nicht aus.

Warum braucht es überhaupt eine besondere Portion Mut? Inwiefern ist es eine „Zeit für Mut“, in der wir leben? Viele sagen, und ich sehe das genauso, dass es eine neue Phase ist, in die wir eintreten. Es geht nicht einfach weiter wie bisher, sondern vieles ändert sich. Und es braucht Mut, sich jetzt nicht zurückzuziehen.

Zeichen einer neuen Zeit

Faktoren der neuen Zeit sind zum Beispiel:

  • Eine neue Weltordnung bahnt sich an – Machtverhältnisse verschieben sich dramatisch. Man könnte auch skeptisch sagen: Die Welt ist unter die Räuber gefallen und gerade nimmt sich jeder, was er kriegen kann. Zumindest die Starken.
  • Es gibt eine rasante technologische Entwicklung, in die man sich einarbeiten muss, für die man ein Gefühl kriegen muss. Als nächstes werden wir ziemlich sicher die Verschmelzung von KI und Robotik erleben.
  • Menschen gehen in einer neuen Radikalität miteinander um. Harte Botschaften sind normal geworden, geben Klicks. Schwarz oder weiß – dazwischen ist Stille.
    Weil die Algorithmen differenzierte Aussagen nicht unterstützen.
  • Es herrscht zudem eine hohe Unsicherheit. Vieles erscheint vorläufig und man kann sich nicht mit Haut und Haaren darauf einlassen. Das führt auch zu dieser andauernden Ironie bis hin zum Sarkasmus – selten gab es so viele Satire-Sendungen, oder? – es ist eine Art Schutzhaltung. Man hält sich die Dinge auf Armeslänge vom Leib, weil wir zu viele Erfahrungen gemacht haben, die uns misstrauisch machen.
  • Speziell in Deutschland sehen wir eine Art Lähmung im öffentlichen Leben, eher Verlustängste als Aufbruchsstimmung.
  • Wir leben zugleich mit einer hohen Moral, aber geringer Barmherzigkeit. Ob das zwangsläufig ist in einer Gesellschaft ohne Gott? Die Gesellschaft übernimmt vom Glauben eher das Richteramt, nicht gerade die Barmherzigkeit oder das Versöhnliche.

Kurz gesagt: Die neue Zeit besteht in einer neuen Weltordnung, anspruchsvoller Technologie, Radikalität im Umgang miteinander und einer Gesellschaft, die weitgehend ohne Gott existiert. Es scheint fast so, als würde der Glaube darin aufgerieben oder besser gesagt umgeformt in eine Art wertebasiertes Zusammenleben. Das glaubende Herz, das fromme Gewissen, gottesdienstliches Leben – all das wird den Menschen im Westen zunehmend fremd. Das heißt nicht, dass es gar kein Interesse gäbe für den Glauben. Gefragt sind aber eher authentische Gespräche als große Gesten.

Diese Zeit ist uns gegeben. Nicht um zu klagen, sondern um die Möglichkeiten zu erkennen und zu ergreifen! Und ja, das braucht eine ordentliche Portion Mut. Und ein paar Wegzeichen für die konkrete Schritte – „Will-Power“ und „Way-Power“ eben.

Diese Zeit ist uns gegeben. Nicht um zu klagen, sondern um die Möglichkeiten zu erkennen und zu ergreifen!

Henrik Otto | FeG-Präses

Antiochia als Inspirationsgemeinde

Was macht also Mut für diese neue Zeit? Für mich ist das die Geschichte einer Gemeinde, die ebenfalls auf der Schwelle zu einer neuen Zeit stand: Die Gemeinde in Antiochia. Sie ist meine persönliche Inspirationsgemeinde Nummer 1 im Neuen Testament (NT). Die Church 2.0 der frühesten Kirchengeschichte.

Entstanden ist diese Gemeinde im heutigen Süden der Türkei aus einer Krise heraus. Stephanus war in Jerusalem gesteinigt worden. Die zunehmende Beliebtheit der Gemeinde, die provozierende neue Theologie – all das hatte die religiöse Elite nervös gemacht. Die Situation eskalierte. Am Ende wurde Stephanus nicht nach einem regulären römischen Verfahren verurteilt, sondern von einer aufgebrachten Menge gesteinigt. Und damit begann die Verfolgung. Frauen und Männer wurden aus ihren Häusern geschleppt, viele flohen über Land, manche bis nach Phönizien, Zypern oder eben nach Antiochia.

Das waren Menschen, die alles verloren hatten: ihre Heimat, ihre Gemeinde, ihr gewohntes Leben, ihr Einkommen. Migranten auf der Flucht vor Verfolgung waren der Anfang der Weltmission! Jeder Christ, der Migration per se für etwas Schlechtes hält, könnte an dieser Stelle nochmal nachdenklich werden. Denn das sind unsere Wurzeln. Wieder einmal sind es mittellose Flüchtlinge, aus denen Gott sein Volk baut. Und was tun sie dort? Verhalten sie sich möglichst still, um nur nicht aufzufallen? Eher nicht! Sie reden von Jesus! Genau so wie sie es von zu Hause kennen, erzählen sie ihren jüdischen Volksgenossen vom neuen Weg – als hätte es die Übergriffe und Vertreibungen gar nicht gegeben!

Diese Gemeinde aus dem Nahen Osten sendet uns durch die Zeit ein paar Marker für unseren Weg. Sechs Mal „Way-Power“ für eine neue Zeit. Alles fängt hiermit an:

1. Missionarische Dynamik

„Sie verkündigten das Wort.“ (Apostelgeschichte 11,19 | LU). Es klingt fast zu schlicht. Ja, das ist wohl das, was Christen tun, oder nicht? Irgendwie keine große Nachricht … Aber mit etwas Sehschärfe erkennt man das Besondere! Sie bringen als Fremde dieselbe Botschaft, die sie gerade fast das Leben gekostet hätte, in eine Stadt, die nicht danach gefragt hat. Das erfordert Mut. Sie wollen es unbedingt! Nicht erst, wenn sie sich eingelebt haben, wenn sie etabliert sind, ein paar Geschäfte eröffnet und sich in der Kommunalpolitik engagiert haben – sie nutzen die Gunst der Stunde.

Ich stelle mir vor, dass sie gefragt wurden, was sie nach Antiochia geführt hat. Neue Leute fallen schließlich auf in der Synagoge. Dann müssen sie wohl erzählt haben, dass sie mit einer brandheißen Story unterwegs sind – einer Story, die die Mächtigen erzürnt, aber allen Leben bringt, die daran glauben! Ein neuer Weg hat sich aufgetan, denn der Christus ist gekommen! So oder ähnlich müssen sie geredet haben, denn man hat sie bald – zunächst leicht spöttisch – „die Christen“ (=Christus-Leute) genannt.

Als dann einige Mitstreiter sogar die Nichtjuden zum Glauben einladen, ist auch das willkommen. Sie überschreiten aus Liebe zu Jesus jahrhundertealte Grenzen. Das inspiriert mich. Diese missionarische Dynamik, die zuerst nach den Menschen und nicht nach den Problemen fragt, finde ich wegweisend. Man darf sich Antiochia nicht allzu beschaulich vorstellen. Die drittgrößte Stadt des römischen Reiches war wild: Es gab Luxus und Reichtum, moralisch ging einiges durcheinander und auch das religiöse Leben war ein wilder Mix. Und mittendrin entsteht nun Gemeinde. „Und die Hand des Herrn war mit ihnen“, berichtet Lukas. So geht missionarische Dynamik.

Genau das möchten wir übrigens als Bund FeG ebenfalls wieder neu „lostreten“. Eine Kampagne für Evangelisation, ab dem Herbst 2028. Wir nehmen uns extra ein bisschen mehr Zeit zur Vorbereitung, um es zusammen mit der SCM richtig gut zu machen. Ihr könnt gespannt sein!

Missionarische Dynamik, das ist echte „Way-Power“. Ich kann mir Gemeinden für die neue Zeit gar nicht ohne sie vorstellen. Was hilft aber sonst noch, den Zukunftsmut konkret werden zu lassen? Wie ging die Gemeinde in Antiochia in ihre neue Zeit? Unbedingt so: mit geistlicher Offenheit!

Ich kann mir Gemeinden für die neue Zeit gar nicht ohne missionarische Dynamik vorstellen.

Henrik Otto | FeG-Präses

2. Geistliche Offenheit

Es braucht ein wenig Mut, sich so von Gott führen zu lassen. Weil dann unerwartete Dinge geschehen können. In Zeiten starker Veränderungen ist das sogar unumgänglich. Gerade erst habe ich das in einem Vorstand erlebt. Lauter erfahrene und profilierte Leute. Die haben schon viel gesehen. Aber dann, als klar wurde „Jetzt hat Gott gesprochen. Er ist es, der uns beauftragt!“, bekamen alle leuchtende Augen. Und Zukunftsmut war im Raum!

Die Christen in Antiochia standen vor der Herausforderung, die erste Gemeinde aus Juden und Heiden zu bauen. Hätten sie diesen Schritt nicht gewagt, hätte es die Weltmission so nicht gegeben. Keine Missionsreisen des Paulus, kein Brückenkopf für das Evangelium in die Welt der Heiden – also in unsere! In Antiochia entsteht ein neues geistliches Zentrum, eine Gemeinde 2.0. Sie bewegt sich außerhalb des bisher Bekannten. Das erfordert gleichzeitig eine starke Verwurzelung. Aus dem Fenster lehnen kann man sich nur, wenn man mit beiden Beinen auf festem Boden steht. Also wird Paulus eingeflogen. Der beste christliche Theologe seiner Zeit. Mit weniger geben sie sich nicht zufrieden! Ein Jahr lang lehrt Paulus diese junge Gemeinde und macht sie sattelfest. Das ist auch nötig, denn Antiochia ist nicht nur wild, sondern auch gebildet. Bekannte Philosophenschulen sind dort beheimatet. Die Bildungsschicht lässt sich nicht mit Keksen und Tee gewinnen. Da müssen ein paar Dinge zu Ende gedacht sein, um in dieser Stadt zu bestehen.

Und dann die prophetische Begabung. Wir haben eben gehört, dass die Gemeinde von Lehrern und Propheten geleitet wird. Lehrer stehen für die systematische Verantwortung des Glaubens. Propheten für das Wort zur Lage. Durchaus möglich, dass man sich nicht immer auf Anhieb verstand. Aber im Fasten und Beten kam man zusammen. Auf diese Weise entstand auch der Eindruck, Paulus und Barnabas auf Missionsreise zu senden. Nur noch mal zum Mitschreiben: Sie entschieden, die beiden prägendsten Menschen der Gemeindegeschichte wegzuschicken! Genau genommen hatte das Gottes Geist entschieden und sie taten es. Das ist geistliche Offenheit: Reden Gottes erbitten und dann ernst nehmen. Die gute Theologie des Paulus hatte das wohl nicht behindert, sondern sogar gefördert. Gute Theologie zementiert nicht das Bestehende, sondern hilft, das Kommende gesund zu entwickeln.

Übrigens, bis ins 4. Jahrhundert waren in Antiochia etwa 20 Gemeinden entstanden. Noch lange war die Stadt für ihre theologischen Schulen und einige namhafte Theologen bekannt. Geistlich offene Gemeinden sind in guter Lehre verwurzelt und im Reden des Geistes lebendig. So kommt man in eine neue Zeit – und manchmal schenkt Gott Frucht daraus, die lange bleibt.

Das dritte Merkmal, das ich wahrnehme, ist: Die Gemeinde in Antiochia findet Lösungen für ihre Triggerthemen.

Gute Theologie zementiert nicht das Bestehende, sondern hilft, das Kommende gesund zu entwickeln.

Henrik Otto | FeG-Präses

3. Lösungen für Triggerthemen

Was sind Triggerthemen? Jede Zeit hat solche Themen. Triggerthemen sind emotional enorm aufgeladen und beschäftigen oft große Teile der Gesellschaft – oder zumindest große Teile eines Milieus. Triggerthemen sind deshalb so mächtig, weil es dabei vermeintlich um alles geht. Um Ängste, um Identität, um tiefe Überzeugungen. Unter Christen sind das manchmal theologische Themen, es kann aber auch um Politik gehen oder um innere Verpflichtungen, die man empfindet.

Triggerthemen sind oft wirklich wichtig, aber fast immer geht es um Irdisches und damit um Vorläufiges. Die herausfordernde Frage ist also: Wie geht man angemessen mit dem Zweitwichtigsten um? Wie kann man sich voll einsetzen für etwas, bei dem es nicht um alles, aber auch nicht um nichts geht?

Ein solches Thema gab es damals in Antiochia auch. Nämlich die Frage: Müssen die Christen, die vorher Heiden und nicht Juden waren, eigentlich auch das jüdische Gesetz halten? Oder sich gar beschneiden lassen?! Dahinter steht die noch größere Frage, ob Heiden nicht eigentlich Juden werden müssten, um Christen zu sein. Denn schließlich war Jesus auch Jude gewesen und hatte als Jude gelebt. Das ist übrigens der Teil der Frage, bei dem es für die junge Kirche existenziell wurde. Das war nicht mehr nur das Zweitwichtigste.

Genau genommen war das alles in Antiochia selbst eigentlich keine Frage gewesen, man hatte für sich einen Weg gefunden; in der Muttergemeinde in Jerusalem spannte es dafür umso mehr! Von dort kamen die kritischen Fragen. Und dort saß die Lehrautorität in Person der Apostel. Alles nicht so leicht! Eine große Versammlung unter Leitung der Apostel und des Jerusalemer Leiters Jakobus brachte schließlich eine Klärung. Oder besser gesagt, einen praktisch-theologischen Kompromiss (nachzulesen in Apg 15)! Unsere Gesellschaft heute kennt solche Triggerthemen auch. Der Soziologe Steffen Mau nennt vier maßgebliche Konfliktfelder: Einkommen und Vermögen, Migration, Diversität und Identitätspolitik, Klimapolitik.

Manches davon hat sich als Konfliktthema auch auf Kirchen und Gemeinden übertragen: sexualethische Themen, zum Beispiel. Oder vielleicht erinnert ihr euch an die Corona-Zeit. Okay, die vergisst man auch nicht so schnell. Manche der Kontroversen wirken bis heute nach und es wäre viel zu viel, hier auf all das einzugehen. Nur so viel: Wo das Corona-Management und die Einordnungen der Geschehnisse zum Wichtigsten einer Gemeinde wurden, waren auch die Konflikte darum das Wichtigste.

Diese Themen sind nicht unwichtig. Sie sind auch nicht untheologisch. Zu allem ist aus biblischer Perspektive etwas zu sagen. Sie liegen aber eben nicht im Zentrum des Evangeliums. Also, wie umgehen mit dem Zweitwichtigsten? Es gibt ein paar Dinge, denen man widerstehen muss, wenn man Triggerthemen lösen will:

  • Der Polarisierung, zum Beispiel. Polarisierung bedeutet, es gibt nur noch schwarz oder weiß. Man kann gar nicht mehr zueinanderfinden, weil man scheinbar so weit voneinander entfernt denkt und lebt. Das ist die Social-Media-Logik: Die Ränder werden durch die Algorithmen lautgestellt und sichtbar gemacht, das Abgewogene leise und fast unsichtbar.
  • Außerdem müssen wir der permanenten Unzufriedenheit, die uns so leicht befällt, widerstehen; denn sie ist der Nährboden der Polarisierung. Je unzufriedener ich bin, umso sinnvoller finde ich radikale Maßnahmen. Je schlechter sich die Gegenwart anfühlt, desto eher „muss man mal durchgreifen“. Das erfordert Übung. Also die Zufriedenheit zu bewahren, meine ich, nicht das Durchgreifen. Ich glaube nach wie vor, dass Zufriedenheit und Dankbarkeit Früchte des Geistes sind. Vielleicht wäre das eine gute Selbstreflexion, sich ab und zu zu fragen: „Bin ich in den letzten Wochen eigentlich zufriedener oder unzufriedener geworden? Dankbarer oder undankbarer?“
  • Das könnte uns sogar helfen, nach der Polarisierung und der Unzufriedenheit auch noch der Unerbittlichkeit zu widerstehen. Mit unerbittlichen Maximalforderungen kommt man bei Triggerthemen nämlich nicht weit. Es braucht vielmehr Barmherzigkeit, in unserer Gesellschaft und nicht selten auch in unseren Gemeinden, weil viele Entscheidungen Güterabwägungen sind und deshalb per se ein Kompromiss. Es braucht bei den vorletzten Dingen, beim Zweitwichtigsten schlicht Kompromissfähigkeit, auch wenn sich das langweilig anhört. Was geschieht, wenn uns Abwägungen, das rechte Maß und die Kompromissbereitschaft verlorengehen, kann man gerade täglich in den Nachrichten sehen.

Am besten übt sich das in einer starken Gemeinschaft. Denn dort sind wir füreinander mehr als eine Sache oder ein Thema oder eine Positionierung. Da können wir Herz zeigen, füreinander da sein und miteinander vor Jesus stehen. Nur so werden wir lernen, mit emotional aufgeladenen Themen umzugehen. Nur so gelingt emotionale Abrüstung und beziehungsmäßige Aufrüstung. Dann wird es auch plausibel sein, nicht alles zu tun, was ich der eigenen Erkenntnis nach tun könnte – aus Rücksicht nämlich. Rücksichtnahme ist eine echte Lösungsoption. Rücksicht statt gegenseitiger Überforderung.

Das geht dann, wenn allen klar ist, dass es sich um „Vorletztes“ handelt, wie Dietrich Bonhoeffer sagte; um Themen, für die es Vergebung gibt, wenn man mal falsch liegt. Vielleicht ist das die treffendste Beschreibung für das Zweitwichtigste: Es gibt Vergebung für uns, wenn wir falsch liegen.

Für die ersten Gemeinden bedeutete das, nach einem Kompromiss in Sachen „jüdisches Gesetz“ zu suchen. Jakobus, übrigens ein Bruder Jesu, formulierte das schließlich so: „Darum meine ich, dass man die von den Heiden, die sich zu Gott bekehren, nicht beschweren soll, sondern ihnen schreibe, dass sie sich enthalten sollen von Befleckung durch Götzen und von Unzucht und vom Erstickten und vom Blut.“ (Apostelgeschichte 15,20 | LU) Das war sozusagen der Minimalkonsens zwischen Juden und Nicht-Juden, um miteinander Tischgemeinschaft haben zu können. Das war ein erprobter Kompromiss. Paulus ist damit in den folgenden Jahren einigermaßen frei umgegangen, ohne das Prinzip aufzugeben.

Gemeinden für die neue Zeit brauchen Lösungen für Triggerthemen: Lösungen, die der Wichtigkeit der Themen aus biblischer Sicht gerecht werden, die aber nicht das Eigentliche überlagern, die missionarische Dynamik nämlich, mit der Gemeinden in die bisher unerreichten Teile der Welt vorstoßen.

Gemeinden für die neue Zeit brauchen Lösungen für Triggerthemen; Lösungen, die der Wichtigkeit der Themen aus biblischer Sicht gerecht werden, die aber nicht das Eigentliche überlagern, die missionarische Dynamik nämlich, mit der Gemeinden in die bisher unerreichten Teile der Welt vorstoßen.

Henrik Otto | FeG-Präses

4. Praktische Liebe

Ein schöner Satz des Wiener Theologen Paul Zulehner lautet: „Wer bei Gott eintaucht, taucht beim Armen wieder auf.“ Es ist schwer, einen solchen Satz zu toppen. Alle Gaben – die sogenannten Charismen – sind der Gemeinde zum Dienst aneinander und an der Welt gegeben. So wird es hell und hoffnungsvoll (Matthäus 5,13–16), wo immer Gemeinde ist, und Shalom breitet sich aus (Jeremia 29,7); Gottes Frieden, der so viel mehr umfasst als nur die Abwesenheit von Streit. Deshalb bauen wir, bewegt von Gottes Liebe, lebendige Gemeinden.

Für die Christen in Antiochia bedeutete das: sammeln. Sammeln für die verarmte Gemeinde in Jerusalem. Die war sicher theologisch nicht in allem auf einer Linie mit ihnen, aber das spielte keine Rolle. Wenn Geschwister Hunger litten und bedürftig waren, wurde nicht gezögert.
Vielleicht hat das auch den berühmten Prediger und Theologen Johannes Chrysostomos geprägt. Der wurde etwa 300 Jahre später in Antiochia geboren und hat sich sehr mit Armut und Ungerechtigkeit beschäftigt. Und eindringlich gepredigt, sodass man ihn „Goldmund“ (=Chrysos + Stoma) nannte! Von ihm stammen Sätze wie: „Es ist nicht genug, die Armen zu speisen; man muss sie auch mit Freundlichkeit nähren.“ Oder: „Die Kirche ist ein Krankenhaus, kein Gerichtssaal.“

Praktische Liebe gehört zur DNA von Gemeinde und verleiht der Verkündigung ein außerordentlich freundliches Gesicht. Das ist auch der Grund, warum sich der Glaube und Nationalismus nicht vertragen; warum sich der Glaube mit keiner Form des Extremismus verträgt. Weil dabei immer Menschen zugunsten eines vermeintlich höheren Zieles geopfert werden. Sich damit zu verbinden ist ein schweres Missverständnis über das, was Jesus wollte.

Nun die letzte Kurve vor der Zielgerade:

5. Starke, dienende Leitung

Das muss man erst mal machen. Die Leitungsentscheidungen in Antiochia sind bemerkenswert: Mission ausweiten, für theologische Ausbildung sorgen, Prophetie ernstnehmen und die besten Leute aussenden … Ich finde, das ist schon ein Jüngerschafts- und Leitungslevel, der beeindruckt.

Dieser Leitungsmut und diese Leitungsfreude werden gebraucht, wenn eine neue Zeit anbricht. Und doch macht keiner von den Leitern aus Antiochia Karriere. Abgesehen von Paulus und Barnabas gehören die übrigen nicht zu den großen Gestalten des NT. Man könnte fast sagen, dass eine der wichtigsten Gemeinden des NT irgendwie aus der zweiten Reihe geleitet wird. Das sind starke, demütige Personen, die mutige Entscheidungen treffen und die Weltmission in Gang setzen. – Anschließend tauchen sie in der Überlieferung allerdings nicht mehr auf. Sie haben sich keinen Namen gemacht und es ist kein Leitungsmodell nach ihnen benannt.
Aber sie haben offensichtlich ihrer Gemeinde gedient, gute Lehre zu schätzen gewusst und das Reden Gottes in Fasten und Beten gesucht. Wenn man wissen möchte, wie geistliche Leitung am Beginn einer neuen Zeit geht, sollte man sich dieses Team anschauen. Keiner sticht dort he­raus, sie sind weniger Bischöfe, sondern vielmehr Teamplayer. Sie hinterlassen keine Schriften, sondern Missionare. Ihr Einfluss ist historisch groß, aber ihre Namen tauchen nirgends mehr auf.

Starke, dienende Leiter. Bemerkenswert ist zum Schluss, und das ist die Zielgerade, ihre Internationalität.

Antiochia war so etwas wie ein früher Ausdruck von weltweiter Kirche. Menschen aus vielen Ländern bilden den Brückenkopf für die Mission in viele Länder.

Henrik Otto | FeG-Präses

6. Internationalität

Nur noch dieser kleine Durchgang, weil es so schön ist: Barnabas, Manaen und Saulus sind jüdischer Herkunft, Simon Niger ist wahrscheinlich afrikanischer Herkunft, auch Luzius kann ein Afrikaner gewesen sein. Barnabas ist levitischer Abstammung, Paulus ein jüdischer Gelehrter, Manaen der Sohn eines Sklaven. Das ist fast schon revolutionär: Eine multikulturelle Leitung war in der Antike extrem selten.

Aus der Gemeinde stammen außerdem noch der Arzt Lukas und Titus, ein treuer Mitarbeiter von Paulus. Titus ist ein unbeschnittener griechischer Konvertit. Die Gemeinde verzichtete also bewusst auf seine Beschneidung und das zeigte, wie weit sie bereit war, zu gehen. Antiochia war so etwas wie ein früher Ausdruck von weltweiter Kirche. Menschen aus vielen Ländern bilden den Brückenkopf für die Mission in viele Länder. Wenn man sich das so klarmacht, klingt es wie ein Programm aus dem Jahr 2026.

Natürlich wusste diese Gemeinde nichts über digitale Mission, über soziale Netzwerke und auch nichts über KI-gesteuerte Roboter. Aber sie verkörpert ein paar Eigenschaften, die in jeder neuen Zeit entscheidend sind:

  • Missionarische Dynamik
  • Geistliche Offenheit
  • Lösungen für Triggerthemen
  • Praktische Liebe
  • Eine starke, dienende Leitung
  • Internationalität

Wenn ihr jetzt auf diese sechs Eigenschaften schaut, was sagt ihr: Wie mutig seid ihr gerade, einen solchen Weg zu gehen? An welcher Stelle braucht es Er-Mutigung? Wofür braucht es Gottes Hilfe? Vielleicht ist es sinnvoll, sich diese Marker in den nächsten Tagen noch mal vorzunehmen. Dazu mache ich euch Mut. Ich bin überzeugt: So findet Zukunftsmut seinen Weg. Einen konkreten Weg. Way-Power und nicht nur gute Absichten. So bauen wir Gemeinden für die neue Zeit.

Henrik Otto | Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden | praeses.feg.de

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Zukunftsmut | Nacherleben und vertiefen

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  • Die Predigt von Henrik Otto bei „Mutig Miteinander“ kann als Video nacherlebt werden unter mutig-miteinander.feg.de

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  • Zu den sechs Perspektiven gibt es jeweils eine kurze Einführung, Reflexionsfragen für das Gespräch im Leitungsteam, eine Skalenfrage (1–10) zur Selbsteinschätzung mit möglichen konkreten Schritten.
  • Download des Leitfadens unter link.feg.de/chzukunftsmutleitfaden

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