26. Juni 2019 | Aktuell CHRISTSEIN HEUTE FeG Präses

PERSPEKTIVEN | Ich liebe Gottes Schöpfung

ICH LIEBE GOTTES SCHÖPFUNG

Ein Plädoyer für kreative Nachhaltigkeit

Ich staune über die Natur. Ich liebe sie. Ich suche sie auf. Wald, Garten, Berge, Strände, all das ist schön gemacht. Und es ist – man vergisst es leicht – schön kultiviert von Menschen. Nachfolger Jesu bestaunen Natur als Gottes Schöpfung. Sie bestaunen den Schöpfer und beten ihn an. Wer das tut, für den ist es normal, diese Schöpfung zu pflegen, schützen und gestalten. Es ist dann selbstverständ-lich, mit den Ressourcen pfleglich umzugehen. Wir be-handeln Tiere so, dass es uns nicht die Schamesröte ihrem Schöpfer gegenüber ins Gesicht treibt. Plastik verseucht die Meere und langsam auch uns. Deswegen ist es sinnvoll, Plastik zu vermeiden, wenn es geht. Oder wir finden Wege, es wirklich zu recyceln. Ich formuliere hier heute ein Plädoyer: dafür, dass wir kreativer werden, um neue Lösungen für Ener-gie, Verkehr und Bau zu finden. Ich spreche mich heute dafür aus, dass wir die Welt so behandeln, dass wir sie unseren Kin-dern und Enkeln guten Gewissens überreichen können. Ich plädiere für Umwelt-schutz, weil wir Gottes Kinder sind.

ENTSCHEIDUNGEN TREFFEN

Ich habe gezögert, mich hier so auszusprechen, weil ich Be-fürchtungen habe. Die Befürchtung, dass mein Plädoyer zu einseitig und vielleicht naiv ist und man mir das (womöglich zu Recht) vorwirft. Und ja, die Welt ist komplex, die Herausforderungen sind komplex und so könnte man mir das hier um die Ohren pfeffern und sagen: wie naiv. Doch irgendwann kommt der Punkt, da müssen wir handeln statt abwägen. Der Punkt ist gekommen. Ich befürchte, dass ich ab heute ständig zu Recht kritisiert werde und man mir sagt: „Wenn du so ein Plädoyer ausgibst, wie kann es sein, dass du noch Auto fährst, ja, dass du sogar fliegst? Wie kann es sein, dass du Ski fährst und dir abends auch noch ein Schnitzel schmecken lässt?“ Ja, ich bin inkonsequent. Und stellen Sie sich vor, deswegen habe ich bisher bei diesem Thema lieber geschwiegen. Ich wollte mir das nicht vorwerfen lassen. Aber jetzt ist Schluss damit. Ich gebe es direkt offen zu, dass ich inkonsequent bin. Man mag mich dafür kritisieren, aber die Sache ist dennoch wichtig, zu wichtig, als dass wir uns nicht ernsthaft damit befassen müssten. Ich bin nicht perfekt, aber ich will mich weiterentwickeln und Entscheidungen treffen. Und ich habe die Befürchtung, dass manche Christen jetzt sagen, ich sei vom evangelistischen und missionari-schen Weg abgekommen, den die Freien evangelischen Gemeinden immer gegangen sind. Dass sie sagen: „Jetzt kümmert der sich nur noch um das Diesseits. Dabei gehen Menschen auf ewig verloren, das ist doch viel schlimmer.“ Meine Antwort: Gott gehört beides: das Diesseits und das Jenseits. Und die Ewigkeit beginnt jetzt. Das Letzte ist ent-scheidend und darüber spreche ich gerne und viel. Aber solange es nicht eingetreten ist, ist das Vorletzte unsere Verantwortung (nach D. Bonhoeffer).

KREATIV NACHHALTIG SEIN

Wir sollten entweder Ressourcen sparen oder intelligenter, d. h. nachhaltiger mit ihnen umgehen. Und dabei ist mein entscheidender Punkt nicht, ob es nun einen Klimawandel gibt oder nicht. Ich bin kein Fachmann. Ich höre, dass 97 % der Wissenschaftler einen menschlichen Anteil am Klimawandel behaupten. 3 % sprechen dagegen. Die Wahrheit hält sich nicht immer an die Mehrheit. Aber sie ist auch nicht immer mit der Minderheit. Also, die 97 % nehme ich ernst. Aber sei es drum. Mein entscheidendes Argument ist ein anderes: Gott hat uns Menschen den Auftrag gegeben, diese Erde zu bebauen, sie untertan zu machen (1. Mose 1,28), oder – wie man wohl heute besser übersetzt: sie zu kultivieren. Fast 8 Milliarden Menschen zu versorgen, in Zukunft vielleicht – je nach Prognose – 9 oder 17 Milliarden, das ist eine Herausforderung. Das geht nur, wenn wir gemeinsam diese Erde gut gestalten. Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass es gut ist, auf Ressourcen zu bauen, die erneuerbar sind. Deswegen ist das andere so wichtig: Kreativität. Für mich sind E-Autos nicht kreativ. Sie wirken für mich eher wie ein Feigenblatt. Da muss uns noch mehr einfallen. Ein Hoch auf kreative Köpfe und mutige Unternehmer/innen, die sich etwas einfallen lassen, damit unser zukünftiges Leben nicht nur in der Lehmhütte stattfindet, sondern abwechslungsreich, globalisiert, international.

UNSERE WELT KULTIVIEREN

Die Lausanner Bewegung ist für mich Kristallisationspunkt der internationalen evangelikalen Bewegung. Ich fühle mich ihr zugehörig. 2010 hat die Lausanner Bewegung in ihrem Kapstadt-Manifest gesagt, „was wir lieben“. Wir lieben Gott, wir lieben Jesus, wir lieben sein Wort, seine Mission, wir lieben seine Menschen und – ja – wir lieben seine Welt! Wir können als Nachfolger Jesu dieser Welt etwas bieten. Wir beten nicht die Schöpfung an, sondern den Schöpfer. Aber gerade deswegen achten wir das, was er geschaffen hat. Und wir nehmen seinen Auftrag ernst, diese Welt zu kultivieren. Nicht Panik, nicht Naturvergötterung, nicht schlechtes Gewissen und nicht griesgrämige Weltabgewandtheit treiben uns, sondern die Liebe zu Gott und sei-ner Welt. Das ist doch was ganz anderes, oder? In diesem Sinne oute ich mich heute als evangelikaler Öko! Und so werde ich auch in Zukunft nicht nur eine geschundene, sondern eine schöne, gut geschaffene Welt bestaunen – und ihren Schöpfer.

SICH BEWEGEN LASSEN

Nachtrag: Ein paar Tage, nachdem ich diesen Text geschrieben habe, veröffentlichte Rezo (sprich „Rieso“) sein millionenfach geklicktes Video, das sich unter anderem mit der Frage des Klimawandels beschäftigt. Man mag vieles kritisieren und ablehnen, aber seine Argumentation in dieser Frage wurde nach meiner Kenntnis kaum substanziell widerlegt – im Gegenteil, ich habe nur fundierte Unterstützung gefunden. Junge Leute wie er oder Greta Thunberg machen uns wach, mich auch! Ich will sie nicht lächerlich machen („Der mit den blauen Haaren“, „Die mit dem Asperger-Syndrom“). Das wäre billig. Ich will hören, was sie zu sagen haben und als Jesus-Nachfolger verstehen, was das mit meinem Glauben zu tun hat. Das ist genau das Thema meines Plädoyers.

ANSGAR HÖRSTING | Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden | praeses.feg.de

Perspektiven

  • Gedanken von Präses Ansgar Hörsting
  • In seinen PERSPEKTIVEN greift Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, regelmäßig einen Aspekt aus dem Leben oder ein Thema aus der öffentlichen Diskussion auf.
  • Diese PERSPEKTIVEN ist erschienen in CHRISTSEIN HEUTE 07/2019

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