8. Januar 2021 | Aktuell CHRISTSEIN HEUTE FeG-Präses Presse

Perspektiven | Durchhaltekompetenz

Durchhaltekompetenz

Vier Impulse für schwierige Zeiten

In seinen PERSPEKTIVEN greift Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, einen Aspekt aus dem Leben oder ein Thema aus der öffentlichen Diskussion auf.

Zu Beginn des Jahres 2021 zeigt sich, dass wir gut daran tun, zu lernen, wie man in schwierigen Zeiten durchhält. Was macht uns resilient, widerstandsfähig, krisenfest? Wie man es auch nennt: Wir brauchen Durchhaltekompetenz. Wir brauchen sie persönlich und wir können etwas einbringen in unsere Gesellschaft! Ich will Ihnen sagen, was mir hilft. Vier Schlagwörter, die mir für 2021 wichtig geworden sind.

Begründete Hoffnung

Hoffnung braucht der Mensch. Victor Fankl berichtet von einem Mitgefangenen im Konzentrationslager, der von der Hoffnung getragen wurde, am 30. März 1945 befreit zu werden. Diese Hoffnung hielt ihn aufrecht. Als die Befreiung ausblieb, starb der Mitgefangene einen Tag später. Das zeigt zweierlei. Erstens: Es braucht Hoffnung. Sie gibt schier übermenschliche Kraft. Zweitens: Langfristig braucht es eine begründete Hoffnung. Es reicht auf Dauer nicht, zu sagen: „Alles wird gut. Alles wird besser.“ Schön, wenn es so kommt. Aber wenn nicht, ist die Enttäuschung umso größer.

Christlicher Glaube basiert nicht auf ein paar schönen Kalendersprüchen und Durchhalteparolen, sondern auf gut begründeter und somit wahrer Hoffnung. Das heißt: Sie basiert auf den Verheißungen Jesu und sie reicht über dieses Leben hinaus. Damit gibt Gott uns einen Sinn, der über dieses Jahr, über Pandemien und über andere Krisen hinausreicht. Wer sagt, das sei billige Vertröstung, muss nur die Krankenhäuser und Altenheime besuchen. Wohl dem, der mit dieser begründeten Hoffnung auf Gottes Zukunft und Ewigkeit sterben – und damit auch leben kann. Durchhalten – das kann man mit einer gut begründeten Hoffnung. Gott gibt sie uns durch seine Kraft, durch Vergebung, das Reich Gottes und die Hoffnung auf Auferstehung.

Begeisternde Vision

Viele Kräfte nehmen Besitz von unserem Denken und Alltag. Seit Monaten ist es Corona. Und mit im Fahrwasser sind es Konflikte, extreme Positionen, alltägliche Sorgen, blank liegende Nerven, Druck in der Schule und Frust, weil vieles nicht geht und abgesagt werden musste. Um in diesen Erfahrungen nicht unterzugehen, brauchen wir eine begeisternde Vision. Etwas, das wir erstreben können und das einen Sinn in unser Leben und Handeln gibt. Das kann ein Ausbildungsziel sein, es kann der Einsatz für Menschenrechte sein, es kann ein Projekt oder eine Veranstaltung sein.

Für mich persönlich hat sich gezeigt, dass ich – egal, was ich erleben und was ich so einstecken musste im Laufe des Jahres – von der Vision begeistert bin, lebendige Gemeinden zu bauen bzw. daran mitzuhelfen. Denn lebendige Gemeinden machen einen Unterschied in den Städten und Dörfern unseres Landes. Sie trösten, sie geben Orientierung, sie bringen das Evangelium in die Häuser, ins Internet und in die Heime, sie sind auf dem Herzen Gottes, weil durch sie Menschen Heil finden. Das ist meine begeisternde Vision!

Was ist Ihre Vision? Und was bringen wir ein in unser Land? Durchhalten – das kann man mit einer begeisternden Vision, an der wir festhalten, egal was, uns passiert.

Beweglichkeit

Die letzten Monate haben uns Beweglichkeit abverlangt, und das wird so weitergehen. Natürlich braucht jeder von uns verlässliche Planungen und Informationen. Aber das finden wir nicht immer. Wer auf Krisen mit Beweglichkeit reagiert, hält besser durch. Beweglichkeit heißt: sich nicht versteifen auf Gewohntes und den eigenen Plan.

Mein Neffe musste alle seine Pläne in Sachen Studium und Auslandsaufenthalte ändern. Die Ortsgemeinden und wir als Bund FeG müssen unsere Pläne ständig nach den neuen Gegebenheiten ausrichten. Beweglichkeit schafft neue Ideen und Formate. Wir haben mit dem „FeG-Podium“ und den digitalen Herbsttagungen Neues geschaffen. Und das wird wahrscheinlich so weitergehen. Nicht immer, denn Veränderung ist nicht ein Wert an sich und fast jeder liebt das Gewohnte, das ist doch klar. Aber Durchhalten in Krisenzeiten, das wird man nur durch Beweglichkeit.

Barmherzigkeit

Dieses Thema setzt die Jahreslosung 2021. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36). Barmherzigkeit erklärt man am besten durch Geschichten. Jesus erzählte die Geschichte vom Samariter. Juden und Samariter waren einander in tiefer Verachtung zugetan. Ein Samariter fand auf einem entlegenen und gefährlichen Weg einen verprügelten und ausgeraubten Juden. Er kümmerte sich um ihn und ist seitdem bekannt als der barmherzige Samariter.

In meinem Leben ist es die Geschichte der Afroamerikaner, die allesamt im Bus in einer US-amerikanischen Stadt saßen, mit dem ich als einziger Weißer in den USA mitfahren wollte. Da ich aber das passende Geld nicht dabeihatte und ratlos aus der Wäsche schaute, sammelten sie spontan für mich, damit ich das Ticket lösen konnte. Das ist Barmherzigkeit. Sie geht über das hinaus, was das Recht fordert. Wir brauchen Recht und Rechtssicherheit. Aber wir brauchen auch das, was darüber hinausgeht. Denn das macht unsere Welt menschlich. Barmherzigkeit ist Gnade in Aktion.

Wir sind alle sehr gefordert. Kinder in den Schulen und deren Eltern. Behörden. Gemeindeleitungen. Pastorinnen und Pastoren. Medizinisches Personal, die Impfteams und die, die das alles koordinieren, Verkäufer und Manager, Lehrerinnen und Studierende. Altenpfleger und Alte. Wenn wir nur nach Rechtslage miteinander umgehen, werden wir ein sehr hartes Jahr erleben. Ohne Barmherzigkeit wird diese Welt kalt und die Gesellschaft tief gespalten.

Jesus ruft uns zur Barmherzigkeit auf! Sie öffnet unser Miteinander für Gnade. Ich brauche sie, Sie brauchen sie. Gott ist barmherzig wie ein gnädiger Vater, der seine Töchter und Söhne liebt, ihnen entgegenläuft und sie zu Hause willkommen heißt. Durchhalten – das können wir, wenn Barmherzigkeit empfangen und gewähren.

Das sind meine Schlagwörter am Anfang des Jahres 2021. Es sind keine Durchhalteparolen, sondern sehr feine, konkrete Koordinaten für eine Kompetenz, die Gott uns schenkt und die wir einbringen können in diese Welt und in unsere Gemeinden. Und vergessen Sie nie: Gott regiert. Ich freue mich auf das neue Jahr 2021.

Ansgar Hörsting | Präses Bund FeG | praeses.feg.de

Dieser Artikel ist erschienen in der FeG-Zeitschrift CHRISTSEIN HEUTE 02/2021 >>

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