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Von Nächstenliebe, Feindesliebe und Fremdenliebe in der Gemeinde | CHRISTSEIN HEUTE

19. Februar 2026

Bereit für unbequem?

Von Nächstenliebe, Feindesliebe und Fremdenliebe in der Gemeinde

Sandra Kim hat koreanische Wurzeln und beschreibt ihre christliche Migrationsgeschichte von einer exotischen Gemeinde in die FeG Bonn hinein. Die Referatsleiterin im Ministerium der Justiz NRW legt dabei den Finger in die Wunde, inwiefern wir als Gemeinden bereit sind, Menschen wahrzunehmen, die uns nicht automatisch nahestehen.

Wenn ich in christlichen Kreisen nach meinem Glaubensweg gefragt werde, beginne ich mit der Geschichte meiner Eltern: Sie sind koreanische Einwanderer, angeworben in den 1960er-Jahren, die Ablehnung und sogar Verfolgung ihres Glaubens erlebt haben. Sie hielten ihr Leben lang das „C“ der CDU hoch und versuchten, ihren sechs Töchtern Unterordnung beizubringen.
Meine Eltern waren zupackende Pioniere: Sie gründeten die erste koreanische Sprachschule Deutschlands und gleich mehrere Gemeinden, eine Krankenmission, aus der später eine Afrikamission wurde. Sie bekochten und beherbergten unzählige Geschwister im Herrn und ließen uns landeskirchlich taufen und konfirmieren, wie es gute deutsche Sitte war. Vorbildliche und erfolgreiche Integration würden viele resümieren: fleißig bis zur Selbstaufgabe, bescheiden und unauffällig.

Exotisches Gemeinde- und Glaubensleben

An den schlecht besuchten, liturgie-lastigen Gottesdienst im evangelischen Gemeindezentrum schloss obligatorisch der unserer koreanischen Mikro-Gemeinde an, in dem oft wir Töchter in der Sonntagsschule einspringen mussten. Alles war eine ständige Improvisation, verbunden mit der Last von zugewiesener Verantwortung. Hierarchien und Titel waren ebenso wichtig wie der Zehnte, Respekt und Gehorsam. Segen schien eine Folge von Dienst und Leistung zu sein.

Gleichzeitig waren unsere Zusammenkünfte familiär und warm, im Mittelpunkt standen viel Gebet und gemeinsames Essen. Insgesamt aber war unser Glaubensleben doppelt exotisch – fromm in einer säkularen Gesellschaft und dazu noch auf koreanisch. Diese Fremdheitserfahrung wurde verstärkt durch den ewigen Geldmangel. Wie sollen eine Handvoll Arbeiterhaushalte den Pfarrer und seine Familie durchbringen?

Wunsch nach Zugehörigkeit

Meine ersten Erfahrungen im freikirchlichen Kontext waren eine Offenbarung: befreit von der ewigen Bürde für das Gelingen von Gemeinde, fasziniert durch Vorbilder und Gleichaltrige, für die Glauben ganz normal war, inspiriert von Predigten, die mich abholten, und einem lebendigen Gemeindeleben – einfach himmlisch!

Als ich mich später für eine große FeG entschied, hatte es viele Gründe: der professionelle Lobpreis, die Kinder- und Jugendarbeit, ein modernes Gebäude, demokratische Prozesse, alles schien, na ja, gut zu funktionieren …

Mir gefiel es sehr, fromm und normal zu sein. Nüchtern betrachtet könnte man sagen, dass ich mich in einem bildungsbürgerlichen Milieu wiedergefunden habe und damit die Sehnsucht des Gastarbeiterkindes nach Zugehörigkeit zu einer gut funktionierenden (deutschen) Organisation in Erfüllung ging.

FeG wird internationaler!?

Wenn wir heute von Internationalisierung (in) der FeG sprechen, ist vieles gemeint: die neuen, nicht-deutschsprachigen Gemeinden und wie sie sich in die vorhandene Struktur einfügen, die sterbenden Gemeinden, für die eine interkulturelle Öffnung lebensrettend sein könnte, das Miteinander der frisch Zugewanderten und der Alteingesessenen, eigentlich die große Frage nach Integration und Migration, die gerade unsere gesamte Gesellschaft intensiv umtreibt. Aber was hat diese Frage mit uns Gläubigen zu tun? Haben wir nicht schon die große Antwort auf diese Fragen: Wir sind doch ein Leib, Geschwister im Herrn, was brauchen wir mehr an Gemeinsamkeit als denselben Gott der Liebe, Gnade und Vergebung?

Den Fremden lieben

Von der Fremdenliebe ist in der Bibel immer wieder die Rede. Jesus selbst fordert uns heraus, wenn er sich mit Fremden vergleicht: „Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben; in bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt.“ (Matthäus 25,35) Er mutet uns viel zu mit seiner Definition von Liebe. Die Zumutung liegt nicht im hohen Anspruch, zu dem wir alle inbrünstig Ja sagen. Natürlich wollen wir wie Jesus lieben: unseren Nächsten, unseren Feind – aber unseren Fremden? Die Herausforderung liegt im konkreten Klein-Klein, im Alltag.

Den Fremden zu lieben bedeutet, etwas anzunehmen, was ich mir nicht ausgesucht habe oder was ich vielleicht lieber meiden möchte oder was mich in meinem Wohlgefühl von Glauben und Gemeinde stört: langer Lobpreis in fremder Sprache, lautes Durcheinander-Beten, ewige Predigten, andere Gerüche im Gemeindehaus, ungetrennter Müll, ergebnislose Mitgliederversammlungen … Wir suchen uns Gemeinden, deren Gemeinde- und Gottesdienstkultur uns am besten gefällt, wo wir uns wohlfühlen.

Sind wir bereit für Veränderung?

Natürlich wird mir warm ums Herz, wenn ich auf Koreanisch Choräle singe, die ich seit meiner Kindheit kenne. Koreanisch ist die Herzens- und Glaubenssprache, in der ich unbefangen über Gott sprechen und beten kann, Deutsch ist für mich viel verkopfter. Vertrautes gibt uns auch Halt und lässt uns zur Ruhe kommen.

Aber was ist, wenn Gottesdiensttraditionen und Wohlgefühl wichtiger werden als Menschen, als echtes Miteinander, als Sich-Herausfordern-Lassen und geistliches Wachsen? Wir haben „geschlossene“ Hauskreise, um Freundschaften zu pflegen, wir beherbergen andere Gemeinden, wenn sie sich an unsere Regeln halten, wir senden Missionare in die Welt und wir haben Diakonien, die sich um Bedürftige kümmern. Aber wen wollen wir im Gottesdienst neben uns sitzen haben, mit wem möchten wir gemeinsam beten, singen, teilen? Von wem möchte ich mich verändern lassen?

Die Arbeit für Wohnungslose beeindruckt mich sehr und ich unterstütze sie ab und zu, indem ich koche. Als ich einmal spontan gebeten wurde, vor der Mahlzeit zu beten, kam mir in meiner Unbeholfenheit der Satz über die Lippen, Gott möge uns alle auch auf dem Weg nach Hause bewahren. Nach Hause? Welches Zuhause haben Wohnungslose? Über was unterhalte ich mich mit ihnen bei der gemeinsamen Weihnachtsfeier? Auch ich ertappe mich dabei, dass ich mir andere Sitznachbarn im Gottesdienst wünsche und frage mich, was der Kern meines Glaubens ist.

Demütig und mutig zugleich

Bedeutet Integration, dass wir bestimmen, was uns gefällt, und andere sich einfügen müssen? Oder bedeutet Integration, von Herzen und mit Neugier willkommen zu heißen und zu teilen, was wir haben, dem Neuling das Gefühl zu geben, nicht fremd zu sein, sondern als Teil der Familie Gottes anders sein zu dürfen – ohne den Druck, sich anpassen zu müssen?

Im Zentrum unseres Glaubens steht die Nachfolge von Jesus, sein freundliches und demütiges Wesen und damit das Nachtun, das Üben in Freundlichkeit und Demut. Demut ist ein wunderschönes Wort, um den Mut zu beschreiben, den es kostet, sich selbst zurückzustellen und sich auf den Fremden und damit, wie Jesus sagt, auf ihn einzulassen. Wo kann das besser geschehen als in derselben Gemeinde, wo wir denselben Gott anbeten, dieselbe Erlösung erfahren vom selben Menschsein, vom selben Fremdeln mit dem Fremden?

Sandra Kim | Referatsleiterin im Ministerium der Justiz NRW | Mitglied der FeG Bonn | fegbonn.de

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