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Perspektiven -> Gedanken von Präses Ansgar Hörsting

Ausländer?

In seinen monatlichen PERSPEKTIVEN greift Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, regelmäßig einen Aspekt aus dem Leben oder ein Thema aus der öffentlichen Diskussion auf.

Meine Zugfahrt führte mich an einem winterlichen Abend in den Süden Deutschlands. Da ich am nächsten Morgen zu predigen hatte, wollte ich den Abend zuvor ankommen, damit mir der angekündigte Schneesturm keinen Strich durch die Rechnung machen konnte.

Ich musste zweimal umsteigen. Es fiel mir an diesem Samstagabend besonders auf, dass unglaublich viele Reisende, in den Bahnhöfen wartende und laufende Leute Ausländer waren. Ausländer? Sie sahen zumindest so aus. Also irgendwie südländisch, arabisch, afrikanisch. Mir ist schon klar, dass Leute, die so aussehen, Deutsche sein können. Aber ich gebe zu, dass es immer noch kurios wirkt, wenn ein tief schwarzfarbiger Mensch in reinstem Kölner Akzent seine Tünnes-und-Schäl-Witze zum Besten gibt oder ein Mann mit türkischem Namen mit schwäbischem Akzent Spätzle als sein Lieblingsessen deklariert. Es gibt sie, diese Stereotypen in meinem Kopf. Sie gehören wohl irgendwie dazu und verändern sich nur sehr langsam. Wie dem auch sei. Mit diesen Stereotypen ging es dann auch weiter.

In einer unwirtlichen Bahnhofshalle, es war 22 Uhr, hatte ich einen kurzen Aufenthalt. Ich suchte ein Café, als mich ein junger Mann mit ein paar englischen Brocken ansprach. Er kam aus Afrika. Er sah zumindest so aus. Ein Schwarzer eben. Wie sagt man es heute? Ich weiß es nicht mehr und habe den Überblick verloren. Nun, bei ihm sollte sich später herausstellen, dass er wirklich aus Afrika kam und nicht aus Köln-Nippes.

„Help me!?“

Er zeigte zum Fahrkartenautomaten. „Help me!?“ „Ja, help you.“ „Ullem …“ Wie bitte? Er hält mir einen ausgedruckten Reiseplan hin. Das Ziel auf diesem Plan lautete „Ulm“. „Ah, Ulm. Er will nach Ulm.“ Wir stehen an diesem Automaten, ein zweiter Mann afrikanischer Herkunft kommt dazu. Er hat eine halb leere Sektflasche in der Hand. Das kommt mir irgendwie komisch vor. Was geht hier ab? Er scheint sich sehr für unsere Unterhaltung zu interessieren. Immerhin, er kann etwas deutsch. Die Betonung liegt auf „etwas“. Intuitiv rücke ich meine Tasche mit Laptop und anderen Wertsachen so zurecht, dass mir keiner nebenbei hineingreifen kann. Ich fahre alle Antennen aus. Ist das hier eine Falle? Man hat ja schon so viel gehört. Die wollen mich hier beschäftigen, um mich zu überfallen. Okay, aber noch ist nichts geschehen. Ich zieh das durch. Außerdem sind hier noch genug andere Leute unterwegs.

Fünf Schwarze um mich herum

Ulm ist das Ziel. Ob ich anhand dieses Automaten rausfinden kann, wann die nächsten Züge nach Ulm abfahren. Ja, denke ich, das müsste ich können. Es gibt die Fahrplanauskunft auf diesen Maschinen. Ich tippe auf „Englisch“ als Sprache für die Auskunft. Das ist aber nicht so entscheidend. Denn Ulm heißt auf Englisch ebenfalls Ulm.

Ich tippe auf dem Touchscreen herum. Es kommen weitere Leute hinzu. Nummer Drei, Vier und Fünf. Alle die gleiche Hautfarbe. Ich sag ja nur, wie es war. Es wird eng am Automaten. Alle sind interessiert. Aber woran?

Nach ein paar Klicks kann ich sagen, wann die nächsten Züge nach Ulm fahren. Der nächste erst morgen früh um 6 Uhr. „Six o’clock – tomorrow.“ Der junge Mann, der mich zuerst ansprach, strahlt. Das scheint ihm zu helfen. Der Sektflaschenträger mit umgedrehter Baseballmütze nickt bestätigend. Danke. Alle fünf sind nun zufrieden. „Morgen, sechs Uhr.“

„Wo kommst Du her? Where are you from?“, frage ich. „From Guinea.“ Also wirklich Afrika. Manchmal stimmt das Stereotyp. Die fünf Jungs sind nun sehr zufrieden, schlagen sich ermunternd auf die Schultern, bedanken sich herzlich bei mir. Wir ziehen plaudernd weiter.

Man hält zusammen

Was war das jetzt? Meine Theorie lautet so: Der Typ brauchte eine Auskunft. Und die anderen vier waren bemüht, ihm zu helfen, damit er den richtigen Zug bekommt. Wahrscheinlich hatten sie sich auch erst kurz vorher kennengelernt. Aber man hilft sich. Und sie würden nicht eher gehen, bis geholfen wäre. Man hält zusammen. Und nun waren alle glücklich, dass da ein Weißer (sagt man das? Weiß bin ich ja auch nicht wirklich, eher rosa, oder hautfarben … Nein, das geht auch nicht … Ach, es ist schon kompliziert), na, auf jeden Fall der Deutsche, der traditionell deutsch aussieht, dass der helfen konnte.

Ich machte mir keine Sorgen darum, ob der Mann aus Guinea irgendwo übernachten konnte. Bei vier solchen Freunden kein Problem. Sind alle Menschen gleich? Nein. Aber alle Menschen sind geschaffen zum Bilde Gottes. Und man sieht immer wieder etwas davon in verschiedenen Farben aufleuchten.

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