Vergiss mein nicht!
Wie Gemeinden offen werden für Menschen mit Demenz
Wie erleben Menschen den Glauben, wenn sie mehr und mehr vergessen? Ulrika Walter ist Diakonin im Bereich Seelsorge der Diakonie Bethanien und ist überzeugt davon, dass das Herz nicht dement wird. Deshalb veranstaltet sie in der Seniorenresidenz Gottesdienste für Menschen mit Demenz. Regina Fischer hat sie interviewt.
In der Gesellschaft wird das Thema Demenz immer wichtiger. Stellen sich Gemeinden die Frage, wie sie mit dementen Menschen und deren Angehörigen umgehen können?
Ulrika Walter: Vereinzelt bekommen wir Anfragen zu Angeboten und wie sie umgesetzt werden können. Ich glaube aber, dass es noch nicht im Bewusstsein der Allgemeinheit angekommen ist, dass Menschen, die an Demenz erkranken, weiter aktiv am Gemeindeleben teilnehmen. Sie sind eher auf den Umgang mit der Situation fokussiert, dass sie selber oder ein Familienmitglied die Diagnose bekommen haben. Solange es irgend geht, macht man weiter wie bisher. Wenn das dann nicht mehr möglich ist, ziehen sich die meisten Menschen mit Demenzerkrankung zurück. Sie schaffen es nicht mehr, das normale oder übliche Verhalten an den Tag zu legen. Man ist dann eher raus aus der Gemeinde und dem Gemeindealltag.
Dazu kommt, dass viele Gemeinden einfach ungeschult und nicht darin geübt sind, Menschen mit Demenz einzubinden und adäquat mit ihrer Erkrankung umzugehen.
Wie gehen Angehörige mit an Demenz Erkrankten um?
Ulrika Walter: Die Angehörigen sind traurig, überfordert, überfragt. Gleichzeitig versuchen unserer Erfahrung nach viele, ihre kranken Angehörigen zu begleiten und zu unterstützen. Da geht es um mehrere Aspekte: Man muss ganz viel praktisch organisieren, aber auch emotional hinterherkommen. Man muss diese Krankheit kennenlernen, sie akzeptieren und einen Umgang damit erlernen. Das ist eine große Herausforderung. Ich glaube, dass viele Angehörige über ihre Kraft gehen, weil sie denken, dass sie das allein schaffen müssen oder können. Ich mache die Erfahrung, dass sie oft nicht wissen, welche Hilfen es gibt.
Beratung zu Hilfe
Was für eine Hilfe wünschen sich an Demenz Erkrankte oder ihre Angehörigen? Was bräuchten sie konkret?
Ulrika Walter: Hier in der Diakonie Bethanien bieten wir zum Beispiel Beratung an. Wir informieren, welche Möglichkeiten es gibt und welche Hilfen eine betroffene Familie in Anspruch nehmen kann. Wir bieten ambulante Pflege an oder auch die Tagespflege, wo Menschen, die an Demenz erkrankt sind, stundenweise versorgt werden. So erleben die Angehörigen eine Entlastung, weil sie selber Zeit haben für andere Dinge oder für sich selbst. Auch das ist sehr wichtig und sehr berechtigt.
Auf der anderen Seite ist es gut, im Gespräch zu sein. Seelsorgerliche Unterstützung zu bekommen bei der Frage „Wie geht es mir damit?“ Es gibt spezielle Gottesdienste, sogenannte „Vergiss-mein-nicht-Gottesdienste“. Man kann hinkommen mit seiner Last, seiner Not und den Sorgen und wird gesegnet. Man kann bei Gott und bei anderen Menschen andocken, die auch betroffen sind. Sich austauschen und aktiv mit der Situation umgehen, die jetzt da ist, und von der jeder weiß: Sie wird ja nicht besser.
Das muss man auch berücksichtigen: Es ist ein progredienter Verlauf und der führt am Ende zum Tod. Da ist eine emotionale, soziale, seelsorgerliche Begleitung super wichtig, sowohl für die Betroffenen wie auch für die Angehörigen.
Wie kann ein Gottesdienst aussehen, bei dem an Demenz erkrankte Menschen nicht abgehängt werden und sich zurückziehen müssen?
Ulrika Walter: Ein passender Gottesdienst ist sehr einfach in seiner Gestaltung. Es gibt bekannte Elemente, die sich ständig wiederholen. Das fängt an mit den ganz normalen Zeichen wie eine Kerze, ein Kreuz, eine Bibel. Sie machen deutlich: Das hier ist ein Gottesdienstraum.
Dann gibt es die klassische Begrüßung: „Wir feiern den Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Demenz bedeutet ja auch, dass ich in vielerlei Hinsicht desorientiert bin und das, was ich erlebe, nicht mehr einordnen kann. Ich weiß dann gar nicht, was passiert, wenn es nicht erklärt wird. Wir bieten eine räumliche Orientierung, indem wir benennen, was wir tun. Wenn ich das in den Gottesdiensten mache, halte ich meine Hände richtig hoch, sage „wir beten“ und falte meine Hände für die Menschen sichtbar.
Es hilft, bekannte Lieder zu singen, alte Choräle oder Gemeindelieder, was eben früher in der Gemeinde gesungen wurde. Sie bieten schöne Schätze, gehen aber in den meisten Gemeinden leider verloren, weil der Schwerpunkt auf modernen Liedern liegt. Das „Vaterunser“ zu beten, das Glaubensbekenntnis zu sprechen und den aaronitischen Segen am Ende. Die Menschen erkennen diese bekannten Wörter wieder.
Dabei wird an eine emotionale Verbindung angeknüpft. Es geht gar nicht mehr um das kognitive Erleben von Gottesdienst, sondern um ein emotionales Andocken. Das kann sich mit der Aktivierung dessen decken, was einem früher Halt gegeben hat. Selbst schwer erkrankte Menschen, die in unserer Welt wirklich sehr verloren sind, sagen mir manchmal nach Gottesdiensten: „Das tat gut.“ Irgendetwas in dem Ganzen hat sie berührt.
Oder man gibt ihnen ein Handschmeichler-Kreuz, mit dem sie sich vergegenwärtigen können: „Ja, ich bin hier. Irgendetwas ist hier mit Gott.“ Oder es wird ein Kreuz mit Salböl in die Hand gezeichnet. Man erinnert sich an diese Berührung und der Körper nimmt noch etwas anderes auf als der Kopf.
Und es muss nicht immer etwas Neues, Kreatives sein. Freikirchliche Gottesdienste haben ja den Hang, Neues zu generieren und sehr wortlastig zu sein. Stattdessen: Wenig Worte, einfache Handlung. Altes, Bekanntes sagen und tun.
Psalm 23 darf nicht fehlen
Gibt es Texte oder Geschichten aus der Bibel, die sich für so einen Gottesdienst besonders anbieten?
Ulrika Walter: Psalm 23 kommt in fast jedem meiner Gottesdienste vor. Die Leute können sonst nichts mehr, aber sie können den Vers mitsprechen: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ Das ist für mich immer ein tief heiliger und geistlicher Moment, wenn ich merke, dass sie diesen Vers mitstottern und stammeln, bewegt und mit Tränen in den Augen. Ich glaube, dass das Herz irgendwie versteht: „Ich wandere ja gerade durch das finstere Tal“ – und dann ist da diese Zusage.
Eine weitere Geschichte ist die vom barmherzigen Vater, wie ich sie immer nenne. Also der verlorene Sohn ist nach Hause gekommen und der Vater macht die Arme weit und heißt willkommen. | Lukas 15,11–32
Auch Bilder können helfen: Gott ist eine Burg, sich wie unter den Flügeln einer Glucke verstecken. Die Bilder verstärken das Gefühl: Ich bin geliebt, beschützt.
Es ist wichtig, positive Botschaften zu vermitteln. Diese Menschen reflektieren ja nicht mehr über ihr Leben, was sie anders tun, verbessern oder korrigieren sollten. Es geht immer nur um Sicherheit, dass Gott dich liebt und du angenommen bist.
Was sollte man auf keinen Fall machen in so einem Gottesdienst?
Ulrika Walter: Ich kann das eher so herum formulieren: Einfache, kurze Sätze. Man kommt sich manchmal ein bisschen komisch vor, weil man das sonst nicht tut. Tatsächlich ist es aber auch für alle anderen sehr hilfreich, habe ich festgestellt. Alle kommen viel besser mit, wenn du nicht so verschachtelt redest.
Langsam und deutlich sprechen ist wichtig. Eine gewisse Ruhe tut gut, auch in der Körpersprache. Kurz halten. Unsere Gottesdienste hier dauern maximal eine halbe Stunde. Aber es ist alles drin, was man braucht.
Die Menschen dürfen sein, wie sie sind. Das kann bedeuten, dass jemand eine Frage stellt wie: „Was ist das denn hier?“– oder sagt: „Gott ist doof.“ Da kann wirklich das Wildeste kommen. Das sollte man aufgreifen, weil es auch eine Würdigung und Wertschätzung dessen ist, was da gerade an Interaktion passiert. Interaktion ist unter diesen Umständen schon etwas ganz Besonderes. Wenn man sich darauf einlässt, kann auch etwas sehr Lebendiges dabei herauskommen und es wird ganz konkret.
Gerade als ich mit den Demenz-Gottesdiensten angefangen habe, hatte ich immer das Bild von Jesus vor Augen, der nicht sein Programm durchgezogen hat, sondern auf die Menschen eingegangen ist mit ihren Fragen und ihrem Verhalten. Wir machen das im Gottesdienst in der Regel nicht so, sondern wir sitzen da und hören zu, interagieren sehr wenig miteinander. Menschen, die an Demenz erkrankt sind, wissen das aber nicht mehr. Sie erleben dann den Gottesdienst auf ihre Weise und bringen uns damit vielleicht wieder näher an eine gottesdienstliche Form, wie sie jesusgemäß ist.
Kleine Gemeinde ist ein Plus
Was brauchen an Demenz Erkrankte sonst noch in einer Gemeinde?
Ulrika Walter: Für Menschen mit Demenz ist es oft einfacher, wenn sie sich in einem kleineren Rahmen bewegen. Wenn eine große Gemeinde auch einen kleinen Gottesdienst mit 20 bis 30 Leuten anbietet, kann das sehr hilfreich sein.
Bauliche Maßnahmen kann sich natürlich nicht jede Gemeinde leisten. Aber zum Beispiel ein ebenerdiger Bau hilft, weil Demenzerkrankte ja auch körperlich oft eingeschränkt sind.
Ansonsten ist der zwischenmenschliche Kontakt total gut. Sich begegnen, miteinander sein. Unter Umständen ist es nicht mehr das Gespräch, das man sonst miteinander geführt hat, sondern man liest etwas vor, macht einen kleinen Spaziergang oder bringt eine Blume vorbei.
Ein Satz, der mir wichtig geworden ist, lautet: Das Herz wird nicht dement. Für mich bedeutet das, dass Menschen nach wie vor Liebe, Ansprache und Begegnung brauchen, auch wenn sie nicht mehr sozial oder kognitiv adäquat reagieren können.
Ich kann mir gut vorstellen, dass es für alle bereichernd ist, den Blickwinkel zu ändern.
Ulrika Walter: Ja genau. Das Schöne daran ist, dass man mit der Person ganz im Moment ist. Der demente Mensch denkt ja nicht mehr über das nach, was war oder was kommt, sondern ist ganz im Hier und Jetzt. Und wir müssen auch nicht wirklich etwas leisten oder darstellen, sondern sein und wahrnehmen, was denn gerade dran ist.
Die Leute, die heute an Demenz erkrankt sind, sind noch christlich sozialisiert. Daran kann man toll andocken und für uns als Gemeinde ergibt sich ein Feld, das wir vielleicht noch gar nicht so im Blick haben. Zudem kommen an Demenz erkrankte Menschen in der Regel nicht alleine, sondern es sind Angehörige und Familie dabei. Man kann diesen Menschen eine gute Begleitung sein für diesen herausfordernden und schwierigen Weg. Ich glaube, als Gemeinde haben wir diesen Auftrag bisher noch nicht so richtig im Blick, auch an diesen Rand unserer Gesellschaft zu gehen.
Tipps und Hilfen für Gemeinden
Das Referat Theologie des FeG-Bundeswerkes Diakonie Bethanien rund um Pastorin Friederike Meißner berät Gemeinden individuell, wie sie Demenzerkrankten und deren Angehörigen ein Zuhause sein können.
Kontakt Friederike Meißner:
- Telefon: 02126 309 13
- Mobil: 0152 093 276 51
- Mail: friederike.meissner@diakonie-bethanien.de
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