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Das sind die sechs Thesen aus der FeG-Hauptamtlichentagung

30. Oktober 2025

Das sind die sechs Thesen aus der FeG-Hauptamtlichentagung

Erkenntnisse aus den Vorträgen

95 Thesen sind es nicht ganz geworden, aber immerhin sechs. Vom 27. bis 31. Oktober 2025 fand die FeG-Hauptamtlichentagung zum Start der FeG-Herbsttagungen auf Langeoog statt. Wir fassen euch die sechs Hauptvorträge kurz zusammen.

1. These: Heiligung ist etwas anderes, als wir dachten

Justus Geilhufe sprach in seinem ersten Vortrag über den Begriff der Heiligung. Im ersten Petrusbrief heißt es: „Denn es steht geschrieben: ‚Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.‘“ (1. Petrus 1,16, Lutherbibel). Geilhufe argumentiert mit Karl Barth: Es wäre fatal, bei Heiligung hier nur den Menschen in den Blick zu nehmen. Heiligung wäre dann der Ausdruck dessen, dass man das Angebot der Gnade angenommen hat, oder eben nicht.

Für den Theologen geht es bei der Erwählung aber viel mehr um Gott: „Das Lamm ist der erwählende Gott und der erwählte Mensch“, sagt er. Gott wählt es, für uns zu sterben. Wir sind erwählt. Oder, einfacher ausgedrückt: „Wie das Baby sich nicht selbst verdankt, verdankt der Christ nicht sich selbst, sondern Christus.“ Wir sind demnach heilig, weil Jesus heilig ist.

Weiter argumentiert der Theologe: Es gibt keinen Gott außer dem, der sich geopfert hat. Gott bleibt nicht außen stehen, er ist mitten unter uns. In jedem Moment des Lebens binde er sich „die Schürze zu“, um uns zu dienen. Und so gesehen ist Gott weltfremd: „Weil er ganz und immer für die Welt da ist.“ Was wir nur temporär könnten – für den anderen da sein – könne Gott dauerhaft.

Ein Mann mit grauem Haar und Brille steht auf einer Bühne und gestikuliert vor einem blauen Hintergrund.Foto: Artur Wiebe | FeG Deutschland

2. These: Die Jugend wünscht sich klare Worte

Für reichlich Diskussionen sorgte Dr. Johannes Hartl in Einheit 2. Seine zentrale These war: Wir begreifen Realität nicht mehr als etwas, das uns von außen geschieht, sondern als etwas Inneres. Sätze wie „Das muss jeder für sich selbst rausfinden“ sind heute ganz normal. Das bringt einerseits eine große Freiheit. Wir können Studiengänge beispielsweise frei wählen. Aber: „Menschen spüren, dass das, was als Befreiungsstory begann, einen riesigen Preis hat“, sagt Hartl. Die kommende Generation ist deprimierter, leichter kränkbar, manipulierbarer. Hartl vergleicht unsere Generation mit einem Astronauten, der im Nichts um sich selbst kreist.

Die Lösung sieht der Theologe und Philosoph darin, wieder klare Formen zu finden. Die Menschen strebten nach Lebens-Orientierung, emotionaler Gesundheit und „Countercultural Ideas“. Letzteres bedeutet, Menschen wollen etwas anderes hören als die immer gleichen Ideen: „Wenn ich auf dem Kirchentag die gleichen Parolen höre, wie ich sie überall höre, wieso soll ich da hingehen?“

Gerade bei jungen Männern sieht Hartl ein großes Bedürfnis, wieder klare Worte zu hören. Er wirbt dafür, Grenzen aufzuzeigen. Manches ändere sich nie, beispielsweise der Satz des Pythagoras, Schach oder dass ein Klavier 88 Tasten hat. Und auch die Wahrheiten des Christentums verortet Hartl da. Die Lösung sei es, die Astronauten einzuladen, zu landen.

3. These: Gott hat Gewicht

Im Bild des Astronauten bleibt Dr. Johannes Hartl auch in seinem zweiten Vortrag. Hier arbeitet er mit dem Bild der Masse bzw. dem hebräischen Wort „kabod“. „Die Moderne hat Gott nicht abgeschafft, sie hat das Ich zum Gott erhoben“, sagt Hartl. Der Astronaut ist sich selbst seine größte Masse, deswegen schwebt er im leeren Raum. Erst, wenn wir die „kabod“ Gottes wieder ernst nehmen, gibt es wieder Ordnung. Die zentrale Frage sei: „Wen liebst du?“ Die entscheide wahnsinnig viel über Identität. Gott sei an einer Beziehung zu uns interessiert. Bei ihm kann der Astronaut schließlich landen.

Zuletzt zeigt Hartl an diversen Beispielen auf, dass er aktuell eine Zeit des Umbruchs sieht, eine neue Sehnsucht nach dem Glauben. In Frankreich gibt es gerade einen Tauf-Boom, in England hat sich die Zahl der jungen Männer, die einen Gottesdienst besuchen, verfünffacht. Schwedens beliebtester Influencer ist nach einer Umfrage Jesus und selbst ehemalige Religionskritiker wie Richard Dawkins ordnen Glauben mehr und mehr neu ein. Bemerkenswert: Die meisten Bekehrungen erlebt gerade die orthodoxe und katholische Kirche. Die junge Generation feiert Liturgie.

4. These: Wir müssen in uns selbst wohnen

Den Morgen des dritten Tages startet Dr. Johannes Hartl mit einem Bild. Die aktuelle Gesellschaft sieht er wie ein Vogelschwarm. Aufgescheucht durch im Internet geschürte Ängste fliegt der Schwarm mal hierhin, mal dorthin. Wie kann man sich dem entziehen? Hartls Antwort: Indem wir in uns selbst wohnen. Dafür gibt er gleich mehrere praktische Tipps. Gleich als Erstes: Es braucht digitale Auszeiten. Digitalität sei „ein Götze unserer Zeit geworden.“ Dem müssten wir uns gelegentlich entziehen – im Urlaub oder mal für ein Wochenende. Denn hier liegt Ablenkung vom Wesentlichen.

Mindestens ebenso wichtig ist für den Theologen, nicht in eine Co-Abhängigkeit zu verfallen. Gerade Pastorinnen und Pastoren krankten daran, sich zu sehr um andere und zu wenig um sich selbst zu kümmern und sich von den Emotionen anderer abhängig zu machen. Jedoch: „Nur, wenn du bei dir beheimatet bist, kannst du jemand anderen zum Tee einladen.“ Außerdem gebe es weniges, was die Autorität einer Leitungsperson mehr untergrabe, als die Angst, jemandem nicht zu gefallen.

Als letzten großen Punkt führt Hartl die Selbstfürsorge an. Hartl benutzt auch hier das Bild eines Hauses, in das wir blicken und in das wir Jesus einladen können. Zu oft machten wir das nicht, weil unser inneres Haus unordentlich ist. Genau dann rät Hartl dazu, das Haus mehr als Baustelle denn als Bruchbude zu begreifen. Jesus brauche keine Perfektion, um hineinzukommen.

Ein Mann in einem grünen Sakko steht auf einer Bühne und klatscht vor einem Tisch mit einem Laptop und einer Wasserflasche, während im Hintergrund ein Banner mit dem Schriftzug "REMD" zu sehen ist.Foto: Artur Wiebe | FeG Deutschland

5. These: Von den Kirchen Ostdeutschlands können wir Liebe lernen

In seinem zweiten Vortrag wird Justus Geilhufe biografisch und erzählt, wie er in der Nach-DDR aufgewachsen ist. Er berichtet von DDR-Zeiten, wo Menschen sich zwischen Konfirmation oder einer passenden Ausbildung entscheiden mussten. Er legt den Blick auf die Jahre nach der Wende: „Wir haben eine Gesellschaft erlebt, in der Gewalt ein Normalzustand war.“ Und erzählt von heute, wo Menschen die Wahrheit in ein einem Telegram-Kanal, „wo alles drin steht“, gefunden haben wollen – und diese schützen und verteidigen müssen. Wer diese Wahrheit nicht akzeptiert, der „muss weg“. Dagegen steht die christliche Gemeinschaft, die zwar glaubt, dass es die eine Wahrheit gibt. Aber auch, dass über sie niemand ganz verfügt und die Suche danach lebenslang ist.

In all diesen Verwerfungen zeichnet Geilhufe ein Bild der Kirche im Osten, die sich nicht zurückzieht – trotz Unterdrückung: „Was die Kirche in der DDR versucht hat, war, die atheistische Gesellschaft zu lieben“, sagt er. Er benutzt dafür den Begriff des „Exzess“ als „übergreifen, überspringen, ganz bei anderen sein.“ Das bedeute weder, die Gesellschaft zu akzeptieren, wie sie ist – noch sie permanent verändern zu wollen.

Als Beispiel nennt er den verstorbenen Theologen Lothar König. Als Langhaariger in einer Gesellschaft, in der das als No-Go galt, schaffte er offene Jugendarbeit. Und damit einen Raum für die, die ebenfalls nirgends Platz finden. Das tat er über alle Widerstände hinweg – eine Narbe auf dem Gesicht, zugefügt von der NSU, erzählte davon. Dieser Mann sei viel gescheitert, habe aber mit seiner Arbeit auch viel erreicht. Wir müssten nicht alle Lothar König sein, so schließt der Theologe, aber dürften unseren Weg des Exzesses finden.

Eine Frau in einer roten Jacke und Jeans steht vor einem Banner und spricht, wobei sie eine Geste macht.Foto: Artur Wiebe | FeG Deutschland

6. These: Gemeinden sind Heimat unterwegs

Katharina Steinhauer, Beraterin für Gemeindegründung in der Region Mitte-West, gestaltete den Abschluss der Vorträge mit einer Bibelarbeit zu Johannes 17,13–24. Für sie wird in den Versen klar: Wie die Israeliten auf dem Weg ins verheißene Land sind unsere Gemeinden: nur ein Vorgeschmack auf das, was da kommt. In diesem Unterwegs sind wir angehalten das Wohl der Stadt zu suchen (Jeremia 29,7) und königliches Priestertum (2. Mose 19,4) zu leben. Wir sollen uns weder der Welt anpassen, noch uns aus ihr zurückziehen.

Steinhauer zeichnet eine Vision von einer demütigen Kirche. Viel öfter sollten Pastorinnen und Pastoren Sätze sagen wie „Es tut mir leid“, „Ich habe mich geirrt“ oder „Ich weiß es nicht“. Und: Wir sind zur Einheit berufen. Die unterschiedlichen Denominationen beschreibt sie wie einen Schrebergarten: viele kleine Häuschen. „Gott will, dass wir verstehen: Wir sind ein großer Garten“, sagt sie.

Das geht, in dem wir Jesus ins Zentrum stellen, statt Konflikte auszutragen. Indem wir die Erfolge anderer Gemeinden zu feiern, statt in Konkurrenz zu leben. Indem wir die Pastorinnen und Pastoren anderer Gemeinden ehrlich kennenlernen wollen – und zwar nicht nur, damit daraus produktive Beziehungen entstehen. Dann können daraus Kooperationen oder gar Kollaborationen entstehen. Hier liegt für Katharina Steinhauer der Schlüssel für eine Einheit in aller Unterschiedlichkeit der Gemeinden.

Nathanael Ullmann | Referent für Medien und Öffentlichkeitsarbeit | presse.feg.de

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Nathanael Ullmann schaut in die Kamera.Foto: FeG Deutschland | AW

Nathanael Ullmann | Referent für Medien und Öffentlichkeitsarbeit

Ein Mann mit rotem Haar, Bart und Brille mit blauem Rahmen lächelt in ein weißes Hemd mit blauen Punkten und einen blauen Blazer.Foto: FeG Deutschland | NU

Artur Wiebe | Referent für Medien und Öffentlichkeitsarbeit | Pressesprecher