Juli 16. 2026 | Aktuell Allgemein CHRISTSEIN HEUTE FeG-Gottesdienst Gemeindeleben Gemeinden Presse Theologische Hochschule Ewersbach vef.de

FeG-Gottesdienst | Anrede in Gottesdiensten

Schön, dass wir diesen Gottesdienst miteinander feiern!

Von der integrierenden Anrede im Gottesdienst

Arndt Schnepper wirft einen Blick auf die unterschiedlichen Gottesdienstbesucherinnen und -besucher. Wie können wir auch mit unserer Sprache alle mit einbeziehen? Dazu gibt der Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach Tipps und Hinweise.

Ich erinnere mich noch an die 1980er-Jahre, als ich während des Studiums Mitglied der FeG Lüdenscheid war. Dort war es damals durchaus üblich, sich untereinander mit etlichen Mitgliedern zu siezen. Wie überrascht war ich dann als junger Pastor im Hamburger Stadtteil Jenfeld, als mich der Patriarch der Gemeinde mit Verweis auf den gemeinsamen Vater im Himmel mit einem „Du“ ansprach.

Mittlerweile scheinen das „Du“ und das „Ihr“ in unseren Gottesdiensten jedoch die klaren Favoriten zu sein. Das entspricht dem gesellschaftlichen Trend. So werden wir seit etwa 20 Jahren in den schwedischen Möbelhäusern von IKEA mit einem freundlichen „Du“ begrüßt. „Hej. Schön, dass du da bist!“ – diese Begrüßungsformel kennen wir wohl alle. Dennoch sind auch Räume der Alltagssprache bekannt, in denen das „Sie“ unangefochten geblieben ist. Das gilt etwa im Verkehr mit Einrichtungen oder Behörden und natürlich in der Begegnung mit fremden Menschen.

Sicher gibt es auch hier die berühmten Ausnahmen. Doch als solche bestätigen sie nur die Regel. So reden etwa Grundschulkinder ihre Lehrer und Lehrerinnen immer mit „Du“ an. Spätestens in der weiterführenden Schule tritt an diese Stelle aber dann das „Sie“.

Gute Gründe

Ich denke, dass für die Wahl der persönlichen Anrede im Gottesdienst vieles spricht. Und da ist es gar nicht nötig, auf gesellschaftliche Trends zu verweisen. So kennen weder das Hebräische noch das Griechische als biblische Ursprachen eine Unterscheidung der Anreden. Das schlägt sich auch im gottesdienstlichen Gebrauch unserer Sprache nieder. Man denke etwa an die Segensbitte „Der Herr segne dich“ im Segensgebet Aarons (4. Mose 6,22–27).

Oder man ziehe das Spendewort vom Herrnmahl heran: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird“ (Lukas 22,19). Ein Siezen klänge hier schon sehr schräg: „Der Herr segne Sie“ – das mutet ziemlich distanzierend an. Und auch die Predigt neigt zum „Du“. Die Regel „Was nicht per Du geht, das geht perdu“ wird dem württembergischen Pietisten Johann Albrecht Bengel (1687–1752) zugesprochen und gilt noch heute als ein echter Klassiker der Predigtlehre.

Persönlich, nicht plump

Bei aller Wertschätzung der persönlichen Anrede gewinnt aber ein Gottesdienst nichts, wenn das „Du“ und das „Ihr“ zur plumpen Vertrautheit verleitet. Diese entsteht dort, wo wir den Menschen möglicherweise mit der Sprache zu nahetreten, sie auch bedrängen oder ihnen möglicherweise nicht den üblichen Respekt erweisen.

Nun lässt sich entgegnen, dass wir als Gemeinde ja eine Familie sind und hier keine Zurückhaltung geboten ist. Und in gewisser Weise stimmt das ja auch. Andererseits braucht aber auch das Familienleben einen rücksichtsvollen Umgang. Was aber noch mehr wiegt: Wenn Gottesdienste ausschließlich geistliche „Familientreffen“ sind, dann ist das viel zu wenig. Denn: Die Gemeinde ist die Familie Gottes, aber eine gottesdienstliche Versammlung ist etwas anderes: Sie ist eine öffentliche Veranstaltung der Gemeinde, um das Evangelium auszurichten. Und hier rechnen wir ja unbedingt mit Gästen und neuen Besuchern.

Integrierend, nicht vereinnahmend

Daher bietet es sich an, dies auch sprachlich zu berücksichtigen. Konkret: Wir können und sollen die Menschen persönlich anreden. Aber wir sollten es nicht vorschnell oder in überfordernder Weise tun.

So muss man etwa nicht immer sofort sagen: „Ich begrüße euch zu unserem Gottesdienst“. Die Begrüßung lässt sich auch variieren, etwa indem ich formuliere: „Herzlich willkommen in unserem Gottesdienst“ oder: „Ich heiße alle herzlich willkommen im Gottesdienst“ oder: „Schön, dass wir diesen Gottesdienst miteinander feiern können“ oder: „Ich freue mich sehr, diesen Gottesdienst heute zu erleben“. Ziel sollte es sein, integrierend zu sprechen. Wir wollen Türen öffnen, damit die Menschen in geistliche Prozesse hineinfinden, sie aber nicht vor den Kopf stoßen.

Mitglieder und Freunde

Zur integrierenden Sprache gehört auch, dass wir es in der Begrüßung tunlichst unterlassen, zwischen dem Gemeindekern und den Gästen zu unterscheiden. Ein Beispiel hierfür ist etwa die fragwürdige Anrede der „Mitglieder“ und der „Freunde“. Berüchtigt ist auch die Bezeichnung derer, „die heute das erste Mal da sind“. Solche Anreden machen einen zwiespältigen Eindruck auf mich. Wird hier doch den „Neuen“ unmissverständlich gesagt, dass sie eigentlich nicht dazugehören.

Dabei möchte ich nicht missverstanden werden: Natürlich soll in Predigt und Abendmahl der Unterschied von „draußen und drinnen“ sowie „einstmals und jetzt“ deutlich gemacht werden. Doch diese Bezeichnungen beziehen sich auf unser Verhältnis zu Gott und machen sich nicht fest an dem Besuch des Gottesdienstes. Darum ist es bedeutsam, „alle“ miteinander anzureden. Der „Wir-Faktor“ darf sprachlich spürbar werden.

Vorname und Nachname

Im Gottesdienst kommt es immer wieder vor, dass Menschen mit Namen genannt oder nach vorne gebeten werden, etwa um sie zu interviewen oder für sie zu beten. Auch wenn wir als verantwortliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen diese Menschen persönlich kennen, sollte es eine gute Routine sein, diese einleitend mit Vor- und auch Nachnamen anzusprechen.

Falls wir nämlich die ausschließliche Anrede mittels des Vornamens praktizieren, mag dies einen Gast schnell überfordern. Er oder sie gewinnt messerscharf den Eindruck: „Die kennen sich hier alle supergut, aber ich gehöre nicht dazu.“ Also: Wir stellen alle Beteiligten vor, nennen ihre vollen Namen und sagen vielleicht auch etwas zu ihrer Person. So schaffen wir sprachliche Brücken und fördern das Kennenlernen.

Titel und Ämter

Es gehört zu den Kuriositäten, dass insbesondere in deutschen Landeskirchen die Nennung akademischer Titel und kirchlicher Amtsbezeichnungen eine ungeheure Bedeutung spielt. Auch auf die evangelischen Freikirchen färbt das bedauerlicherweise ab. Dabei sollte es in der Gemeinde ja eigentlich so nicht sein (Matthäus 23,8). Darüber hinaus bauen solche Benennungen immer auch Distanzen auf. Und überhaupt: Wo sollen wir hier anfangen und wo aufhören?

Darum gilt für Gottesdienste und Gemeindebriefe: Akademischer Titel und Amtsbezeichnungen spielen hier keine Rolle. Auch ein Pastor oder eine Pastorin sollte nicht als „Pastor Arndt Schnepper“, sondern als „Arndt Schnepper, der unser Pastor ist“ begrüßt werden.

Frauen und Männer

Das Thema der sogenannten „geschlechtergerechten Sprache“ nimmt in unserer Gesellschaft seit geraumer Zeit einen breiten Raum ein. Für öffentliche Äußerungen seitens des Bundes FeG und der Bundesbereiche hat unsere Bundesgeschäftsstelle deshalb hier plausible Vorschläge erarbeitet.
Ich versuche, diese für unsere Gottesdienste zu übertragen. Grundsätzlich gilt, dass wir mit unserer Sprache darauf achten, Frauen und Männer gleichermaßen einzubeziehen. Wir sprechen also von „Männern und Frauen“, „Brüdern und Schwestern“, „Christen und Christinnen“ usw. Dabei funktioniert Sprache aber anders als Physik. Denn wenn die gleichzeitige Nennung zu sehr dominiert, wirkt sie rasch pedantisch und oft lähmend.

Darum kann als Faustregel gelten: Einleitend nenne ich sowohl die weibliche als auch die männliche Form und variiere dann im späteren Verlauf mit beiden Formen oder einer Partizipialform. Anders als in der Schriftsprache gilt in der mündlichen Rede auch oft die männliche Form als Bezeichnung beider Geschlechter. Dabei sollte es selbstverständlich sein, dass ich mich mit meiner Sprache immer auf meine Gemeinde entsprechend einstelle.

 

 

 

 

 

Dr. Arndt E. Schnepper | Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach | th-ewersbach.de

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der FeG-Zeitschrift Christsein Heute.

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