Auch heute gehört die Predigt in die Mitte.
Und wenn die Mitte schon besetzt ist? Dann sollte
man beherzt die Mitte beanspruchen und
wieder einnehmen.
Predigtpult – Platzhalter oder Poleposition?
Der Gottesdienstraum und die Gestaltung des Predigtortes predigen mit. Arndt Schnepper gibt Hinweise zur Rolle des Predigtpults in FeG-Gottesdiensten in der Geschichte und Gegenwart. Aus der Gottesdienstwerkstatt der Theologischen Hochschule Ewersbach.
Räume reden. Auch wenn sie nicht im eigentlichen Verständnis sprechen können, geben sie doch beredt Auskunft darüber, was ihren Bewohnern wichtig ist. Wir kennen diesen Sachverhalt aus unseren Wohnzimmern. Was im Zentrum steht, besitzt zumeist Bedeutung. Sei es der Esstisch, über dem die Deckenlampe hängt oder das Fernsehgerät, auf das die Möbelgarnitur ausgerichtet ist. Diese Mittelpunkte müssen nicht immer exakt in der Mitte positioniert sein, aber durch die räumliche Anordnung wird schnell klar, dass sie die Mitte bilden.
Das gilt auch für unsere gottesdienstlichen Räume. Wenn wir etwa eine Freie evangelische Gemeinde besuchen, so stehen die Stühle beispielsweise nicht wild herum. Sie bilden vielmehr eine Anordnung. Im Idealfall sind sie auf eine Längsseite des Raums ausgerichtet. Hier ist der Bereich, in dem viele Elemente des Gottesdienstes ihren Platz haben: Predigt, Abendmahl, Fürbitte, musikalische Begleitung, Moderation und manches mehr. Wir sprechen in diesem Zusammenhang gemeinhin von der „Bühne“ oder manchmal auch vom „Chor“.
Wo passiert was?
Nun sind die Aufteilung und Ordnung auf der Bühne interessant. Die Frage ist: Was findet wo statt? Hier gibt es heute manches Durcheinander. Was wir zu Hause nur ungern zulassen, passiert im Haus der Gemeinde immer wieder.
Blicken wir in die Geschichte unserer Gemeinden zurück, so ist eines sonnenklar: In der Mitte stand immer die Predigt. Das bedeutete, dass die Prediger nicht vom rechten oder linken Seitenrand aus predigten, sondern immer vom Zentrum der Bühne aus. So bildete sich nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich die Zentralität der Predigt ab. Mit den Reformatoren war man sich einig, dass sich Christus in der Predigt selbst offenbarte (Lukas 10,16; 1. Thessalonicher 2,13). Man hoffte und betete, dass dieses Wunder immer wieder geschehen möge.
Erst in den 1960er-Jahren begann man, die Predigtpulte zugunsten der Abendmahlstische ins Abseits zu drängen. Doch auch heute gehört die Predigt in die Mitte. Und wenn die Mitte schon besetzt ist? Dann sollte man beherzt die Mitte beanspruchen und wieder einnehmen. All das ist kein moderner Gag, sondern Ausdruck einer gemeindlichen Grundüberzeugung.
Mit Pult oder Kanzel?
Im Laufe der langen Gemeindegeschichte haben sich verschiedene Möbelstücke herausgebildet, die für einen Gottesdienst üblich sind. Dazu gehört unter anderem das Gestell, auf dem der Prediger die Bibel für die Predigt ablegt.
Mit Blick auf das Selbstverständnis unserer Gemeinden sollten wir bewusst den Begriff „Pult“ statt „Kanzel“ verwenden. Der Begriff „Kanzel“ leitet sich nämlich vom lateinischen Wort „cancelli“ ab, was „Schranken“ oder „Gitter“ bedeutet. In den mittelalterlichen Kirchen trennten diese die Priester von der Gemeinde. Dies entspricht jedoch nicht der Sprache des Neuen Testaments. Zwar gibt es eine Trennung zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden. Aber im Glauben an Christus sind wir eins.
Sachgemäß sprechen wir daher von einem Pult, von dem aus gepredigt wird. So wie es Rednerpulte, Stehpulte oder Notenpulte gibt, so gibt es in der Gemeinde ein Predigtpult. In der Alten Kirche findet sich auch der Begriff „Ambo“, der heute im römisch-katholischen Raum verwendet wird. In freikirchlichen Gemeinden klingt er jedoch eher exotisch.
Breit oder schmal?
Das erste Predigtpult wird im Buch Nehemia erwähnt: „Und Esra, der Schriftgelehrte, stand auf einem Holzgerüst, das man zu diesem Zweck errichtet hatte.“ (Nehemia 8,4 | ELB). Viele des Volkes Israels hatten sich vor ihm versammelt, mehrere Männer standen neben ihm. Als Esra begann, aus der Heiligen Schrift vorzulesen, erhoben sich die Menschen. Und mit seinem Gestell überragte er alle Anwesenden. Es muss ein imposanter Anblick gewesen sein! Aufgrund dieses Berichts mag in der einen oder anderen Gemeinde die Vorstellung entstanden sein, dass hier die Idealgestalt eines Predigtpults beschrieben wird: möglichst hoch, groß und breit. Doch das ist eine Verkennung der biblischen Berichte. Schließlich kamen Jesus und die Apostel bei ihren Predigten oft genug auch ohne Hilfe eines Pults aus.
Das Format eines Pults sollte sich vielmehr nach den Erfordernissen der jeweiligen Gemeinde richten. So spricht auch nichts dagegen, eine Zeit lang ganz ohne Pult auszukommen. Die Gefahren lauern möglicherweise in den Extremen. Wenn ein Pult beispielsweise wuchtig und massiv erscheint, wirkt sich das mutmaßlich auch auf die empfundene Atmosphäre einer Predigt aus. Leichtigkeit kommt da nicht auf!
Wenn hingegen immer nur von einem Bistrotisch oder einem Notenständer aus gepredigt wird, kann das im Einzelfall dazu führen, dass die Predigt zu salopp wirkt. Manchmal ist ein Pult aus transparentem Plexiglas oder mit schmalen Füßen eine gute Zwischenlösung. Es fällt jedoch schwer, hier allgemeine Aussagen zu machen. Wichtig bleibt immer der Blick auf den konkreten Gottesdienst.
In Bewegung bleiben
Wie bekannt, vermied der britische Prediger Charles Haddon Spurgeon (1834–1892) die Benutzung von Pulten grundsätzlich. Sie erinnerten ihn an Weinfässer, Eierbecher oder sogar Särge und engten ihn unnötig ein. In seinem Londoner Gemeindezentrum, dem Metropolitan Tabernacle, befanden sich daher weder Pulte noch Kanzeln auf der Bühne. Im Fokus der Zuschauer befand sich vielmehr das von einem hölzernen Geländer umgebene Podium. Fünfzehn Stufen musste Charles erklimmen, um dorthin zu gelangen. Auf dem Podium befand sich seitlich lediglich ein kleines Tischchen, auf dem er seine Bibel ablegte.
Und mit seiner Meinung hatte er durchaus einen Punkt. Die Gefahr ist nämlich groß, dass sich Prediger und Predigerinnen hinter dem Pult verbergen. Das Pult ist aber weder eine „feste Burg“ noch eine „hohe Zinne“, sondern ein Hilfsmittel, um die Bibel abzulegen. Dahinter sollte sich niemand verstecken. In der sonntäglichen Predigt ist es geradezu geboten, dass der Prediger bzw. die Predigerin mal links und mal rechts neben das Pult tritt. Solche Bewegungen schaffen Aufmerksamkeit und fördern die Lebendigkeit der Predigt.

Dr. Arndt E. Schnepper | Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach | th-ewersbach.de
Dieser Artikel erschien zuerst in der FeG-Zeitschrift Christsein Heute.
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