Frei beten im Gottesdienst
Ein Qualitätsmerkmal freier evangelischer Gottesdienste
Wenn Gäste erstmals den Gottesdienst einer Freien evangelischen Gemeinde besuchen, sind sie oft überrascht von der Praxis des frei formulierten Gebets. Während die allermeisten Gebete in den Großkirchen nämlich schriftlich fixiert sind und abgelesen werden, ist das in unseren Gemeinden eher unüblich. Man kann wohl sagen, dass das freie Gebet seit jeher „typisch FeG“ ist. So hielt Richard Hoenen bereits 1930 hinsichtlich der ersten Gottesdienste der Freien evangelischen Gemeinden fest: „Die Gebete wurden stets frei gesprochen.“ Diese Praxis hat bis heute keinesfalls an Zuspruch verloren. Der Basler Theologe und FeG-Pastor Stefan Schweyer untersuchte 2020 etliche Freikirchen in der Schweiz, darunter auch Freie evangelische Gemeinden. Das Ergebnis ist eindeutig: „Gebete werden ad hoc formuliert. Gemeinsam gesprochene Gebete sowie das Beten vorgegebener oder vorbereiteter Gebete gehören nicht zum gottesdienstlichen Standardrepertoire.“
Brauch in der Alten Kirche
Wenn wir heute in unseren Gottesdiensten das freie Gebet pflegen, dann ist das keine moderne Übung, sondern entspricht der Gebetspraxis der ersten Christen. So berichtet etwa der frühe Theologe Tertullian (160–240) stolz, dass man keinen „Vorbeter“ benötige, da man „aus dem Herzen bete“. Ähnlich äußert sich auch Clemens von Alexandrien (150–215), der betont, dass das Gebet „ein Gespräch mit Gott“ sei und keine abgelesenen Texte anderer Verfasser darstelle.
Und was ist mit dem Vaterunser?
Hier stellt sich natürlich die Frage, wie es zu verstehen ist, dass Jesus für seine Jünger ein Gebet formulierte und es mit der Aufforderung „Darum sollt ihr so beten“ (Matthäus 6,9) versah. Es ist nicht auszuschließen, dass er damit die wortwörtliche Wiederholung beabsichtigte. Tatsache ist aber auch, dass bei den ersten Christen eher das Verständnis vorherrschte, man solle ähnlich wie Jesus beten. Erst im vierten Jahrhundert wurde diese Auffassung durch die Ansicht verdrängt, das Gebet des Herrn wortwörtlich rezitieren zu müssen.
Verdrängungsfaktoren
Die Gründe für das Aussterben des freien Gebets in der Alten Kirche sind vielfältig. Zwei verdienen hierbei besondere Aufmerksamkeit: Zum einen kam es sukzessive zu einer Zentralisierung der Gottesdienstpraxis. Bischöfe schrieben Gebete vor, die die einzelnen Gemeinden zu übernehmen hatten. Dahinter stand ein immer stärker werdendes Amtsbewusstsein der Bischöfe. Andererseits war man auch bemüht, häretische Formulierungen in Gebeten zu vermeiden. Daher schuf man Vorlagen, die theologisch wasserdicht waren. Auch die Anerkennung als förderungswürdige Religion durch den römischen Staat mag hierbei eine Rolle gespielt haben. Als offizielle Einrichtung bemühte man sich, die Gottesdienste und ihre Gebete zu vereinheitlichen.
Freiheit und Balance
In den ersten FeGs und in vielen evangelischen Freikirchen war man sich von Anfang an einig, dass das freie Gebet dem Glauben am angemessensten sei. So ist es bis heute. Freies Beten gilt als ein lebendiges Zeichen des persönlichen Glaubens. Aber allen, die das freie Beten pflegen, ist auch bewusst, dass es einen Unterschied macht, ob man privat oder öffentlich betet. Denn gerade das öffentliche Gebet im Gottesdienst lebt von einigen Spielregeln. Wir wissen: Auch die Freiheit braucht eine Balance, sonst gerät sie rasch zur Willkür. Ein typisches Kennzeichen des öffentlichen Gebets ist die Inanspruchnahme des „Wir“ im Gebet. Das bedeutet konkret, dass ich nicht nur für mich selbst, sondern im Namen der gesamten Gemeinde bete. Das setzt voraus, dass ich nicht nur aus meiner eigenen Perspektive denke, sondern auch die Anliegen der versammelten Gemeinde zum Ausdruck bringe. Zum anderen: Auch wer frei spricht, sollte in etwa wissen, was und in welcher Reihenfolge er etwas sagen möchte. Selbst bei Jesus lässt sich in seinem Hohepriesterlichen Gebet (Johannes 17) eine Struktur erkennen. Zunächst bittet er für sich, dann für seine Jünger, anschließend für die zukünftigen Jünger und schließlich für alle zusammen.
Freie Momente
In einem Gottesdienst gibt es mehrere Momente, in denen frei gebetet wird. Hierzu zählen die Eröffnungen, die Zwischenzeiten während des Lobpreises, die Fürbitten und die Gebete nach der Predigt. Gerade die Fürbitten kann man durch eine vorausschauende Planung aufwerten. So könnten die Gebetsanliegen der Gemeinde beispielsweise von mehreren Personen gesprochen werden, die die verschiedenen Generationen der Gemeinde vertreten. Alternativ könnte jemand aus dem Ältestenkreis bzw. der Gemeindeleitung ganz bewusst die Aufgabe der Fürbitte übernehmen. In beiden Fällen wird deutlich gemacht, dass die Fürbitte eine Angelegenheit der gesamten Gemeinde ist.
Highlight Abendmahl
In vielen Gemeinden wird während des Abendmahls das gemeinschaftliche Gebet gepflegt. Vor oder nach dem Verzehr von Brot und Saft sprechen etliche Mitglieder ihren Dank gegenüber dem Herrn der Gemeinde aus. Es gibt unvergessliche Gottesdienste, in denen die Nähe Christi in solchen Gemeinschaften sehr intensiv erlebt wird. Es gibt aber auch Gottesdienste, in denen diese Zeiten als sehr schleppend und vorhersehbar empfunden werden. Es ist wenig sinnvoll, diese Problematik im Gottesdienst direkt anzusprechen. Passender ist es, solche Zustände im Mitarbeitskreis oder in der Gemeindeversammlung zu thematisieren. Wir sollten immer wieder dafür sensibel machen, dass es in der Gebetsgemeinschaft nicht auf die Länge, sondern auf die Teilnahme an sich ankommt. Und wir sollten auch diejenigen ermuntern zu beten, die sich noch nicht trauen.
Vorsicht vor Überforderung!
Das hohe Lob des freien Gebets sollte jedoch nicht dazu führen, dass wir Menschen überfordern. Konkret ist die sogenannte Übung des „Bienenkorbgebets“, bei der Gottesdienstbesucher aufgefordert werden, sich spontan ihren Sitznachbarn zuzuwenden, für neue Gäste oft eine Überforderung. Es ist, als würde man einen deutschsprachigen Christen bitten, jetzt ohne Vorbereitung auf Englisch zu beten. Diese besondere Form des freien Gebets eignet sich weniger für den öffentlichen Gottesdienst, sondern ist eher für Mitgliederversammlungen oder Gemeindefreizeiten
geeignet.
Frei und fixiert
Auch wenn das freie Gebet ein Qualitätsmerkmal frei-evangelischer Gottesdienste ist, braucht es das fixierte Gebet als Ergänzung. Denn nur frei gebetet wird, kann dies auf Dauer als einseitig empfunden werden. Was spricht also dagegen, das Fürbittengebet mit dem „Gebet des Herrn“ für alle abzuschließen? Auch beim Abendmahl könnten die Einsetzungsworte gemeinsam laut gesprochen oder der Psalm 23 gemeinsam gebetet werden. Die Segensworte Aarons müssen am Ende des Gottesdienstes nicht immer von einer einzelnen Person zugesprochen werden. Viel eindrücklicher ist es, wenn alle allen den Segen wünschen.

Dr. Arndt E. Schnepper | Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach | th-ewersbach.de
Dieser Artikel erschien zuerst in der FeG-Zeitschrift Christsein Heute.
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