Juni 25. 2026 | Aktuell CHRISTSEIN HEUTE Gemeindeleben Gemeinden Presse vef.de

CHRISTSEIN HEUTE | Wir sind nicht der Feind!

„Ich lade dazu ein, Vertreterinnen und Vertretern aus der Presse offen gegenüberzutreten und wegen diskutablen Einzelfällen keine ganze Branche zu verteufeln.“

Nathanael Ullmann

Wir sind nicht der Feind!

Wie Gemeinden mit der Presse auskommen

„Lügenpresse“ war 2014 das Unwort des Jahres. Zugegeben: Ganz so groß wie das, was sich hinter dem Wort verbirgt, ist der Hass nicht, der mir im Alltag begegnet. Aber auch in meinem direkten Umfeld regen sich immer wieder Menschen über „die Presse“ auf, zweifeln an ihrer Lauterkeit oder ihren Methoden. Und immer hören wir bei Gemeinden von Skepsis, wenn Medien sich melden.

Mich bewegt das sehr. Zwölf Jahre lang habe ich als Journalist mein Geld verdient. Als freier Mitarbeiter, im Redaktionsvolontariat und später auch in der Arbeit mit focus.de habe ich viele Kolleginnen und Kollegen kennengelernt, die ihren Job lieben und ernst nehmen. Und eigentlich nie jemanden, der den Vorurteilen gerecht wird.

Ist also alles eitel Sonnenschein? Mitnichten. In Gesprächen ziehe ich oft den Vergleich zur Wissenschaft. Die wissenschaftlichen Grundprinzipien halte ich für absolut richtig und wichtig: Thesen aufstellen, diese falsifizieren oder verifizieren. Und trotzdem gibt es immer wieder Skandale um einzelne Institute, schlampig angefertigte Studien etc. Heißt das, dass das Modell Wissenschaft falsch ist? Mitnichten! Aber es heißt, dass einzelne Menschen sich nicht an die Spielregeln halten. Ein anderes Beispiel Glauben: Über Jahrhunderte haben Amtsträger Verbrechen begangen – seien es Kriege, seien es Missbrauchsskandale. Heißt das, Kirche und der Glauben sind überkommen? Nein.

Vierte Gewalt mit Hindernissen

Und wie verhält es sich mit dem Journalismus? Sehr ähnlich. Denn eigentlich ist die „Vierte Gewalt“ doch eine großartige Erfindung. Journalistinnen und Journalisten haben es sich zur Aufgabe gemacht, zu berichten, was passiert. Und das möglichst nahe an der Wahrheit und möglichst ausgewogen. Mal haken sie nach, legen den Finger in die Wunde. Mal zeigen sie, was es Tolles auf der Welt gibt. Viele Medien verpflichten sich zum sogenannten „Pressekodex“, der zahlreiche Standards festlegt. Auf das Konstrukt Journalismus lasse ich nichts kommen. Und wenn Menschen auf „die Presse“ schimpfen, frage ich mich, ob sie wissen, was für ein teures Gut wir hier in Deutschland haben. Denn eine unabhängige Berichterstattung, die nahbar erzählt, was passiert, die auch mal die Lupe auf unangenehme Dinge hält, das ist doch eigentlich fantastisch.

Aber auch der Organismus ist nicht frei von Fehlern. Ein Beispiel: Immer weniger Menschen bezahlen freiwillig für Journalismus. Also müssen Medien sich neue Verdienstquellen suchen. Im Internet heißt das: Werbung. Werbung verkauft sich nur durch Klicks auf die Seite. Besonders viele Klicks machen besonders skandallastige Überschriften. Von der Seriosität, die ernsthafter Journalismus haben sollte, ist das mitunter weit entfernt – aus der Notwendigkeit heraus, Brötchen zu verdienen.

Ein weiteres Beispiel sind Anzeigenkunden. Allein von Abonnentinnen und Abonnenten hält sich kaum ein Blatt. Also verkaufen Medien Anzeigen. Schwierig wird es dann, wenn über den Anzeigenkunden negativ berichtet wird. Ich weiß aus meinem näheren Umfeld, dass nicht selten abgewogen wird zwischen finanziellem Schaden und Bericht.

Und dann wird es sicher auch Momente geben, in denen die persönlichen Einstellungen der Journalistinnen und Journalisten überwiegen und die Professionalität leidet. Und ja, die Mehrheit im Journalismus ist linker und grüner als der bundesdeutsche Durchschnitt. Das Bild von Pressevertreterinnen und -vertretern ist immer ein subjektives, wie bei allen Menschen. Aber das Gros wird versuchen, der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen.

Was heißt das alles nun für Gemeinden? Ich lade dazu ein, Vertreterinnen und Vertretern aus der Presse offen gegenüberzutreten und wegen diskutablen Einzelfällen keine ganze Branche zu verteufeln. Journalistische Medien haben dem Zeitungssterben zum Trotz nach wie vor eine enorme Breitenwirkung. Wenn wir als Gemeinden es schaffen, Journalistinnen und Journalisten von unserer Sache zu begeistern, ist das kostenlose Werbung.

Wie funktioniert der Tanz mit der Presse nun am besten? Dafür können euch ein paar Anhaltspunkte dienen:

Der Erstkontakt | Am liebsten schnell

Wenn sich die Presse bei euch meldet, muss das nichts Schlechtes sein. Vielleicht haben die Pressevertreterinnen und -vertreter ernsthaft Interesse an eurer Gemeinde, eurem Sommerfest oder eurer Tauftradition. Antwortet dann gerne so schnell wie möglich und bietet einen Interview- oder gar einen Vor-Ort-Termin an.

Auch bei kritischen Anfragen gilt: Lieber antworten als nicht antworten. Wenn ihr antwortet, habt ihr die Möglichkeit, eure Sicht der Dinge darzustellen. Wenn ihr nicht antwortet, riskiert ihr Sätze wie „Eine Antwort von FeG XY blieb bis zum Redaktionsschluss aus.“ Das ist nie die beste Lösung.

Das Medienleben ist schnelllebig. Die Nachrichten von heute sind morgen schon veraltet. Insofern werden Presseanfragen oft kurzfristig gestellt. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Bei Tageszeitungen war ein Thema mitunter morgens bekannt und musste abends schon in Druck gegeben werden. Mit einer Antwort solltet ihr also nicht allzu lange warten. Wenn ihr noch Abstimmungsbedarf habt, kann es helfen, das mitzuteilen: „Vielen Dank für Ihre Anfrage. Wir möchten intern noch klären, wer Ihnen für das Interview zur Verfügung steht, und würden Ihnen das morgen mitteilen. Ist das in Ordnung?“

Sollte es bei euch einen Vorfall geben, bei dem wahrscheinlich ist, dass sich die Presse melden wird, kann es sinnvoll sein, den ersten Schritt zu tun. Das ist jedoch Abwägungssache: Manch ein vermeintlicher Skandal wird nicht so groß, wie er anfangs scheint. Dann wäre es hinderlich, wenn die Presse schon informiert ist. Aber wenn sowieso klar ist, dass ein Thema bald Stadtgespräch ist, gilt: Besser ist es, ihr informiert Zeitung und Co. Der Grund ist einfach: So könnt ihr viel leichter beeinflussen, wie über die Situation gesprochen wird. Wenn ihr wartet, bis die Presse anklopft, könnt ihr nur reagieren. So könnt ihr die Kommunikation selbst gestalten.

Falls ein Thema sich andeutet, aber noch nicht offiziell ist, hilft die Vereinbarung der „Sperrfrist“. Eine Sperrfrist bedeutet: Bis zu einem bestimmten Datum, beispielsweise bis nach einer anstehenden Mitgliederversammlung, darf eine Pressemitteilung nicht veröffentlicht werden. Es gehört zum guten Ton, dass sich die Medien daran halten.

Das Gespräch | Kritik ist normal

In irgendeiner Weise werdet ihr nun mit den Medien kommunizieren – sei es per E-Mail, telefonisch oder im persönlichen Interview.

Wundert euch nicht, wenn die Journalistin bzw. der Journalist auch mal unangenehme Fragen stellt. Das ist deren Job. Das muss übrigens nichts darüber heißen, dass er oder sie euch nicht wohlgesonnen ist. Ich benutze kritische Fragen in eigenen Interviews gerne, um zu schauen: Kann mein Gegenüber auch diese Leerstellen zufriedenstellend beantworten? Mitunter sind das die spannendsten Gesprächsanteile.

Wenn ihr euch unsicher seid, was für Fragen auf euch zukommen können, greift gerne auf eine KI zurück. Ein Prompt wie „Ich treffe mich morgen mit Journalistin XY von der Zeitung XY. Wir wollen über das Thema Abtreibung sprechen. Was für kritische Fragen könnte sie stellen?“ kann euch gute Hinweise geben.

In manchen Kontexten mag es sinnvoll sein, den Menschen von der Presse mehr zu sagen, als später in den Medien stehen darf. In solchen Situationen gibt es die Vereinbarung „unter drei“. Wenn ihr dem Menschen von der Presse eine Information „unter drei“ oder im Vertrauen gebt und ihn oder sie explizit (!) darauf hinweist, darf die Person das Gesagte nur als Hintergrundinformation verwenden, nicht aber offiziell veröffentlichen. In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, kurz einen Satz zu sagen wie: „Jetzt mal kurz unter drei: Unser Pastor hat just gestern gekündigt, deswegen kann ich Ihnen dazu nichts sagen. Von der Kündigung weiß aber die Gemeinde noch nichts, deswegen dient das nur für Sie zur Info.“

Die Kontrolle | Ihr habt Rechte!

Für Veröffentlichungen stehen Journalistinnen und Journalisten mit ihrem Namen. Sie tragen die Verantwortung dafür, dass stimmt, was zu hören/sehen/lesen ist. Trotzdem habt ihr das Recht, vorab um die Freigabe der Zitate zu bitten. Obacht: Das gilt auch wirklich nur für die Zitate. Viele Medien sind aber so frei und schicken gleich den ganzen Artikel zur Freigabe. Dazu sind sie jedoch nicht verpflichtet.

Natürlich solltet ihr offensichtliche Fehler oder falsche Zitate korrigieren lassen. Das kann immer mal vorkommen. Seid dabei jedoch nicht zu pingelig. Meine Erfahrung ist: Je mehr Menschen mit Medien zu tun haben, beispielsweise, weil sie prominent sind, desto weniger korrigieren sie an einem Artikel herum. Bei Menschen, die bisher wenig bis keinen Kontakt mit den Medien hatten, gibt es deutlich mehr Diskussionsbedarf. Versucht bitte keineswegs, den Artikel schönzuschreiben. Da könnte euer Gegenüber zurecht patzig werden. Belasst es bei den Dingen, die begründet falsch sind.

Erscheint ein Beitrag über euch in eurem Sinne, freut sich die Journalistin bzw. der Journalist sicher über dankende Worte. Am anderen Ende sitzen ja immer noch Menschen! Solltet ihr mal nicht zufrieden sein mit der Berichterstattung, gilt es zu fragen: Ist die Berichterstattung einfach nur unangenehm oder wurde faktisch schlampig gearbeitet? Wenn ihr auf eine Anfrage nicht reagiert habt, müsst ihr euch beispielsweise nicht über einen einseitigen Artikel wundern. Wird über euch gesprochen, ohne dass ihr euch äußern durftet, solltet ihr aber unbedingt reagieren und um eine Gegendarstellung bitten. Auch um eine Richtigstellung dürft ihr bitten, sollten sich faktisch Fehler eingeschlichen haben. Berichterstattung sollte schließlich immer ausgewogen und richtig sein.

Seht ihr journalistische Mängel, das Medium lässt aber nicht mit sich reden, gibt es glücklicherweise zahlreiche höhere Gremien, die die Einhaltung der Standards kontrollieren. Für Zeitungen und Online-Medien ist das beispielsweise der Presserat. In solchen Gremien werden Beschwerden geprüft und eventuell Mahnungen oder gar Rügen erteilt.

So weit muss es aber meist nicht kommen. In aller Regel gilt: Journalistinnen und Journalisten wollen das besten für ihre Region. Und ihr könnt die Chance nutzen, ihnen zu zeigen: In unseren FeGs gibt es wirklich Berichtenswertes.

Ein Mann mit Bart und Brille trägt ein blaues Sakko und ein geblümtes Hemd vor einem grauen Hintergrund.Foto: FeG Deutschland | AW

Nathahanel Ullmann | Referent für Medien und Öffentlichkeitsarbeit im Bund FeG | presse.feg.de

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Pressekontakt

Nathanael Ullmann schaut in die Kamera.Foto: FeG Deutschland | AW

Nathanael Ullmann | Referent für Medien und Öffentlichkeitsarbeit

Ein Mann mit rotem Haar, Bart und Brille mit blauem Rahmen lächelt in ein weißes Hemd mit blauen Punkten und einen blauen Blazer.Foto: FeG Deutschland | NU

Artur Wiebe | Referent für Medien und Öffentlichkeitsarbeit | Pressesprecher