10. August 2019 | CHRISTSEIN HEUTE

Joachim Gauck | Toleranz: einfach schwer | CHRISTSEIN HEUTE August 2019

TOLERANZ: EINFACH SCHWER

Bestseller kommentiert von Peter Strauch

Wer bei dem neuen Buch von Joachim Gauck ein reines Sachbuch zum Thema „Toleranz“ erwartet, wird enttäuscht. Enttäuscht wird aber auch, wer sich so etwas wie die Fortsetzung Gaucks lesenswerter Autobiografie erhofft. Eigentlich ist es ein Mix aus beidem, eine gute und kluge Sachinformation, verknüpft mit persönlichen Lebenserfahrungen des Autors.

INTOLERANZ NICHT TOLERIEREN

Über Toleranz nachzudenken, sei für ihn in jungen Jahren kein Thema gewesen, schreibt Gauck. „Sie kam wie von selbst in mich hinein, denn sie gehörte zur gebotenen Lebensform eines Christenmenschen.“ Aufgewachsen in der DDR sei für ihn aber auch schon früh klar gewesen, die Intoleranz des kommunistischen Systems nicht tolerieren zu dürfen. Wer eine andere Meinung, als die herrschende Partei vertrat, durfte in der Regel nicht studieren, ja nicht einmal Abitur machen, konnte unter Umständen sogar im Gefängnis landen. Was ihn aber noch mehr geschmerzt habe, sei die Intoleranz vieler Mitbürger gewesen: des Nachbarn, der argwöhnisch verfolgte und meldete, ob die Studentin im Parterre Westbesuch bekam, oder des Arbeitskollegen, der ohne jemals dazu beauftragt worden zu sein, weitergab, dass der Lehrling im Wohnheim eine Bibel auf dem Regal stehen hatte.

Joachim Gauck war 10 Jahre Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen (Gauck-Behörde) und weiß, wovon er schreibt. Er hat sich die schmerzhaften Beispiele von Intoleranz nicht ausgedacht. Über 100 000 IM („Inoffizielle Mitarbeiter“ der Stasi) soll es in der DDR gegeben haben. Manche schätzen ihre Zahl weitaus höher ein.

Quelle: herder.de

TOLERANZ MUSS GELERNT WERDEN

Aber dieses Buch spricht vor allem von der Gegenwart. Neben einer kurzen Geschichte der Toleranz, angefangen im 16. und 17. Jahrhundert, schreibt der Autor über die inzwischen selbstverständliche Trennung von Religion und Staat, von privaten Lebensentwürfen und dem, was in einem Rechtsstaat für alle zu gelten hat. In diesem Spannungsfeld sieht er die aktuelle Herausforderung zur Toleranz. Er wirbt in seinem Buch, das es in wenigen Wochen auf die Spiegel-Bestseller-Liste brachte (Rang 4), um Verständnis für jene, denen es schwerfällt, fremdartige Ansichten und Entwicklungen auf Anhieb zu to- lerieren. Gauck ist überzeugt: Toleranzfähigkeit fällt uns nicht einfach zu, sie muss gelernt werden.

Auch in diesem Zusammenhang erzählt er von sich, von seiner Begegnung mit Kulturen und Lebensstilen, mit denen er anfangs gefremdelt habe, weil es zwar auch in der DDR Ausländer gegeben hat, die aber abgeschottet in ihren Wohnheimen lebten. Als er 1990 nach Berlin gekommen sei,  habe  sich  die  Situation für ihn schlagartig geändert: „Der Imbiss an der Ecke wurde von einem Türkeistämmigen betrieben, die Restaurants von Menschen aus Kroatien, Italien und China. Die Apothekerin stammte aus dem Iran …“ Auch der öffentliche Auftritt von Schwulen und Lesben war für ihn ungewohnt. „Nie hatte ich in der DDR gesehen, dass Homosexuelle sich auf der Straße ihre Zuneigung zeigen.“ Konfrontiert mit dieser ethnischen, kulturellen und auch religiösen Vielfalt habe für ihn ein Lernprozess begonnen, der den Menschen nach wie vor zugestanden werden muss. Unverkennbar, dass Gaucks Herz hier besonders für solche schlägt, die, wie er, in der DDR aufgewachsen sind.

RESPEKT GEGENÜBER ANDEREN MEINUNGEN

Der frühere Bundespräsident mahnt seine Leserinnen und Leser, zwischen „rechts“ und „rechtsextrem“ zu unterscheiden. Inakzeptabel „rechts“ würden in unserer Gesellschaft oft schon jene genannt, die nichts anderes wollten, als an dem festhalten, was ihnen vertraut ist; z. B. Konservative, die Gesetze über Abtreibung und die „Ehe für alle“ am liebsten rückgängig machten und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ablehnen. „Ja, es stimmt,“ schreibt Gauck, „diese Leute stehen rechts von der Mitte, aber sie sind damit nicht rechtsradikal, rassistisch, Nazis.“ Und persönlich setzt er hinzu: „Mögen sie für mich manchmal auch zu konservativ sein – sie bleiben ein zu respektieren- der Teil des Meinungsspektrums in einer Demokratie.“

Gauck nennt aktuelle Spannungsfelder: Migration und die Auseinandersetzung mit dem Islam, das Erstarken po- pulistischer Parteien, die drohende Klimakatastrophe, Digi- talisierung und vieles andere mehr. Für ihn steht fest: Diese Themen fördern geradezu den Extremismus und machen eine ernsthafte Debatte über Toleranz umso notwendiger.

POLITISCHE KORREKTHEIT AUF DEM PRÜFSTAND

Einen besonderen Raum nimmt in seinem Buch auch das Thema „political correctness“ ein. Geht es dabei um eine neue Aufklärung oder Gesinnungskontrolle? Mit einer gewissen Ironie äußert er sich über die politisch korrekte Sprache. Er sei gemahnt worden, nicht mehr von „Flüchtlingen“ zu reden, da die Endung „ling“ entmenschlichend und abwertend sei. Hinzu käme, dass der Begriff „Flüchtling“ sich nicht gendern lasse. Dem gegenüber seien die Bezeichnungen „Geflüchteter“ bzw. „Geflüchtete“ korrekt. Gauck hatte Gegenargumente, konnte aber seine Kritiker nicht überzeugen. „Ich fand mich einem konservativen, altmodischen Lager zugeordnet, das der weiteren Gleichberechtigung von Frauen und überhaupt aller sexuellen Minderheiten angeblich entgegensteht.“ Ihn stört dieser „vormundschaftliche Gestus“, den einige politisch Korrekte an den Tag legen, und sieht darin ein Beispiel aktueller Intoleranz.

Nach meiner Erfahrung können auch Christen ein Lied davon singen, vor allem, wenn sie im evangelikal-pietistischen Raum beheimatet sind. Auch sie haben oft die „Korrekten“ gegen sich, die sich trotz aller Unterschiede darin einig sind: Evangelikale und wohl auch Freikirchen sind extrem gefährlich – vor allem, wenn sie ihren Lebensstil mit der Bibel begründen. Für sie findet sich im politisch korrekten Verhalten kein Platz.

GEMEINSAME GRUNDWERTE ENTDECKEN

Selbstverständlich müssen aber auch sie sich (wir uns) fragen lassen: Wie sieht es mit dem Respekt vor der religiösen Meinung anderer aus? Gauck schreibt dazu: „Sich an den gewaltfreien Rahmen zu halten, setzt voraus, dass die An- hänger nicht nur in Konkurrenz zueinander stehen, sondern dass sie auch etwas eint: etwas Drittes, eine tiefere sittliche Einsicht, auf die sie sich gemeinsam beziehen.“ Und weiter: „Im konkreten Fall respektieren sie den Rechtsstaat, indem sie ihn zur Klärung ihres Problems anrufen. Sie respektieren ferner ein gemeinsames Humanum, das ihnen Gewaltanwendung verbietet. So entsteht eine Konstellation, in der jeder Gläubige an seinem Wahrheitsanspruch festhalten kann, aber darauf verzichtet, ihn um jeden Preis gegenüber dem anderen durchzusetzen.“

Es gibt in dem Buch noch weitere Textpassagen, die uns als Christen besonders betreffen, beispielsweise Gaucks Äußerung zum Thema „Mission“. Er schreibt: „Ich halte es für falsch, wenn man Menschen dafür tadelt, wenn sie das, was sie erfüllt und was sie für sich selbst als segensreich empfunden haben, weitergeben wollen, egal, ob man dies Mission nennt oder Werbung oder Einladung zu einer Suche, nach der besten Weise zu leben … Ein Problem taucht allerdings auf, wenn aus dem Werben für eine Religion oder eine neue, gute Idee Druck, Zwang oder Diskriminierung Andersdenkender hervorgehen.“ Auch darin ist Gauck rechtzugeben. Druck und Zwang bewirken oft das Gegenteil. Vor allem sind sie nicht Evangeliums gemäß.

VERSTEHEN VOR BEURTEILEN

Kritiker werfen Joachim Gauck vor, in seinem Buch zu nachsichtig mit den „Intoleranten“ zu sein. Nach sorgfältigem Lesen komme ich zu einem anderen Schluss. Gauck wirbt für das, was für jede erfolgreiche Debatte gilt: Ich muss mich in die Situation des anderen versetzen, wenn ich seine Argumente verstehen will. Erst dann bin ich in der Lage, mich ihm gegenüber klar zu positionieren. Genau diesen Weg geht Gauck. Sein Fazit: „Ich bin überzeugt, dass es kein Laisserfaire geben darf gegenüber jenen, die Plurali- tät und Toleranz mit Füßen treten. Toleranz, die Nachsicht und Duldsamkeit gegenüber den Verächtern der Toleranz preist, hilft den Tätern und nicht den Opfern.“

PETER STRAUCH | FeG-Altpräses und Mitglied der FeG Witten | feg-witten.de

Angaben zum Buch

  • Joachim Gauck | Toleranz: einfach schwer
  • Verlag Herder Gebunden | 224 Seiten | 22 €
  • ISBN: 978-3451383243

 

Inklusive Gemeinde | Christsein Heute 08/2019

Offen für Menschen mit Beeinträchtigungen

„Inklusion“ ist ein Thema in Gesellschaft und Schule. Das gilt längst auch für die christliche Kirche und Gemeinde, denn jeder Mensch ist – unabhängig davon, ob mit oder ohne Behinderungen – nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Die August-Ausgabe von CHRISTSEIN HEUTE regt dazu an, in der Gemeinde Raum und Zeit für Menschen mit Beeinträchtigungen zu schaffen, damit sie inklusiver Teil der Veranstaltungen und Gottesdienste in Freien evangelischen Gemeinden sind und sein können. Dazu lieferen die Autoren der FeG-Zeitschrift Impulse, Hinweise und Praxisbeispiele sowie Materialtipps.

INHALTSVERZEICHNIS

  • Von Gott begleitet | Tag der Hochschule in Ewersbach
  • Inklusive Gemeinde | Menschen mit Beeinträchtigungen in der Bibel
  • Gemeinde und Inklusion | Manfred Daub | Peter Bernshausen | Ulrich Kühn
  • Nächstenliebe ist mehr als Mitleid | Matthias Graf
  • Lizenz zum Klatschen | Sabine Langenbach
  • Liebe ist kreativ | Thorsten Marks
  • Gemeinschaft in Aktion | Monika Althoff | FeG Ramstein
  • Kopfsache Inklusion | Carsten Finger | FeG Wetter
  • Tipps und Materialien zur Inklusion
  • Tagesordnung für den FeG Bundestag 2019
  • VORGELESEN | Toleranz: einfach schwer | Peter Strauch
  • LEITEN | Biblische Spiritualität lernen | Teil 2 | Arne Völkel
  • GLAUBEN | Gottes Wahrheit und unsere Maßstäbe | Teil 2 | Wolfgang Kraska
  • PERSÖNLICH | Pastor Piero Scarfalloto | von Annekatrin Warnke
  • Gottes Hinweisen folgen | Zum 80. Geburtstag von Heinz Müller
  • AUSGEPACKT | Bunte Bibel | Tobias Lenhard
  • REDAKTION | Lydia Rieß

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