Wiederbeleben oder Organe spenden?
Debora Süslack, Pastorin der FeG Brühl, und Markus Schmidt, Pastor der FeG „dreisechzehn – Stadtkirche Hannover“ haben Gemeinden begleitet, die gewachsen und geschrumpft sind – oder sich auflösen mussten. Im Interview berichten sie von ihren Erfahrungen. Sie ermutigen Gemeinden, sich ehrlich zu machen, Hilfe von außen zu holen und ungewöhnliche Schritte mit Reich-Gottes-Perspektive zu gehen. Artur Wiebe hat ihnen die Fragen gestellt.
Debora und Markus, die Kirche und Gemeinde Jesu verzeichnet in Deutschland einen Abwärtstrend. Im Bund FeG merken wir das auch. Was löst das Wortpaar „Schrumpfen“ und „Gemeinde“ bei euch aus?
Markus Schmidt: Ich denke zuallererst, das passt nicht zueinander. So soll es eigentlich nicht sein. Ich glaube, dass Gemeinde eigentlich wachstümlich ist. Und dass es unser Auftrag ist, den wir bekommen haben, mehr und mehr Menschen zu Jüngern zu machen und für ein Leben mit Jesus zu begeistern. Das ist eigentlich unser Anspruch.
Doch die Realität, die wir in den eigenen Ortsgemeinden oder in der Fläche in Deutschland sehen, aber manchmal eine ganz andere ist. Von daher löst das eine gewisse Spannung, manchmal auch eine gewisse Ohnmacht in mir aus, wenn ich davon höre, dass auch Gemeinden in unserem Bund FeG und darüber hinaus ihre Türen schließen. Oder ums Überleben kämpfen. Das soll eigentlich so nicht sein. Aber der Realität müssen wir uns stellen.
Debora Süslack: Ich denke an mein erstes Dienstjahr, wo eine Frau aus einer Gemeinde zu uns gekommen ist, deren Gemeinde geschlossen wurde. Ein Satz von ihr begleitet mich seitdem immer wieder: „Ich habe mich gefühlt wie ein Hamster im Hamsterrad in den letzten Jahren. Wir haben getan und gemacht und wir mussten hinterher doch schließen.“ Ich denke an andere Gemeinden, die wirklich gute Dinge tun, und Gott schenkt da einfach kein Wachstum mehr. Sie sind evangelistisch, sie sind kreativ und es passiert nichts. Und das tut weh, weil durchaus die Frage auftaucht: Warum tut Gott da nichts?
Debora Süslack | Pastorin der FeG Brühl
Markus Schmidt | Pastor der FeG „dreisechzehn – Stadtkirche Hannover“
Druck ablegen
Wie geht ihr persönlich als hauptamtliche Person mit Stagnation oder Schrumpfungsprozessen um?
Debora Süslack: Mich hat das total unter Druck gesetzt. Eine Gemeinde, für die ich verantwortlich war und die mich geholt hat und mir den Auftrag gegeben hat: „Das ist jetzt unsere letzte Chance.“ Mir hat aber geholfen, umzudenken. Zu schauen, was sind die Ressourcen, die wir haben? Was können wir tun? Was ist dran? Und zu beten. Mir hat ein Satz von Klaus Schönberg in seinem „Basisbuch Gemeindegründung“ geholfen: „Wir füllen Wasser in die Krüge. Ob Jesus aus diesem Wasser Wein macht, das ist seine Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, uns hinzuhalten mit dem, was er uns gegeben hat. Und dann schauen wir, was passiert.“
Markus Schmidt: Ich bin totaler Fan davon, Menschen und Gottesdienstbesucher zu zählen. Doch dann habe ich gemerkt: Ich zähle Menschen eigentlich nicht nur, wie ich es immer sage, weil Menschen zählen – das finde ich völlig legitim. Sondern ich habe gemerkt: Ich zähle Menschen, damit ich zähle. Hier kann Stagnation oder Schrumpfung einen sehr heilsamen Prozess in mir auslösen. Dass meine Identität nicht in wachsender Gemeinde ist.
Fallen euch Stilblüten ein, wo ihr erlebt, dass Leute in der Gemeinde sich dem Schrumpfungsprozess nicht transparent stellen?
Debora Süslack: Nicht als Stilblüte, sondern ich habe mir von älteren Leuten aus der Gemeinde erzählen lassen, wie Gemeindeleben früher war. Zum Beispiel war bei der Kinder- und Jugendarbeit immer massiver Druck, wie Kinder sich zu verhalten haben. Und mit meinen Ohren hörte sich das so an, dass da Kinder in eine Richtung geformt worden sind, sie sich verhalten mussten, aber Gnade und Evangelium nicht rausgekommen sind. Ich glaube, das ist schon ein Merkmal. Wie gehen wir mit Menschen um, die nicht so ganz angepasst sind? Dürfen wir erstmal gucken, uns mit ihnen austauschen und sie nicht wie eine leere Kiste behandeln, die schön gefüllt wird?
Das andere ist: Wenn Gruppen unsere Räume anfragen, dürfen sie die benutzen, ohne dass wir sie als Evangelisationsopfer nutzen? Sondern dürfen sie erst mal rein, dürfen sie uns kennenlernen, so wie sie sind?
Heißt das, vor Ort der fromme Platzhirsch sein wollen kann auch ein Grund sein, dass es irgendwann bergab gebt?
Markus Schmidt: Ich finde, ein Platzhirsch kannst du ja sein oder den Anspruch haben – den halte ich erst mal für völlig verfehlt und sehr fragwürdig. Aber wenn man das sein will, dann muss man natürlich auch Zahlen aufweisen können. Wenn du im Schrumpfen begriffen bist, am Stagnieren oder Sterben, dann ist das natürlich sehr ambitioniert, von Platzhirsch-Attitüden auszugehen. Spätestens, wenn Kirche schrumpft oder wir vielleicht sogar davon sprechen müssen, die Türen zu schließen – spätestens da dürfen wir dennoch „kingdom minded“ sein, also auf das Königreich Gottes gesinnt sein.
Ausgerichtet aufs Königreich Gottes
Was bedeutet das konkret, dann auf das Königreich Gottes ausgerichtet zu sein?
Markus Schmidt: Wir sehen ja auch in unserem Land, während die Säkularisierung zunimmt, dass Kirchen – nicht nur in Landeskirchen, sondern auch in unserem Bund FeG – die Türen schließen. Das heißt dann, einer älter werdenden oder einer sterbenden Generation die Aufgabe zuzumuten, Wegbereiter dafür zu sein, selbst wenn die Gemeinde, vor Ort der Platzhirsch gewesen ist – egal ob es eine BFP-Gemeinde, eine freie charismatische Gemeinde oder eine exklusive Brüdergemeinde oder was auch immer war.
Eine Stilblüte, die ich gerne vorantreiben will, ist Kirche auch als Organspender zu verstehen. Wenn wir wirklich merken, es bewegt sich nichts mehr, dann sollten wir nicht krampfhaft an unseren Ressourcen festhalten – seien es Gebäude, Finanzen, gute Mitarbeiter, die wirklich dynamisch sind, aber auch ein dynamisches Umfeld brauchen. Sondern sie im Sinne einer Organspende freigeben, damit sie anderen Kirchen nützen, damit sie letzten Endes dem großen Auftrag im Königreich Gottes nützen.
Debora Süslack: Ich habe in Wesel von der Großzügigkeit meiner ökumenischen Geschwister gelernt. Wir haben immer wieder richtig coole Projekte gehabt und da ging es tatsächlich darum: Wir wollen unsere Ressourcen zusammenlegen, um Menschen in der Stadt zu erreichen. Wir wollen gute Gottesdienste machen. Es hat sie geschmerzt, als wir gesagt haben: In Wesel werden wir die Gemeinde schließen. Das war ein herzlicher Schmerz, also von Herzen kommend.
Wir haben gute Sachen gemacht und das Wertvolle im anderen gesehen, auch in der Glaubenstradition, die die Personen haben. Wir haben uns Dinge zugestanden, beispielsweise als FeG Wesel im Dom von Wesel Gottesdienste feiern zu können. Die anderen haben großzügig gesagt: Wir öffnen unsere Türen, damit ihr Gottesdienste feiern könnt. Die katholische Kirche hat in Corona-Zeiten gesagt: Ihr dürft gerne bei uns Open Air-Gottesdienste feiern. Und als es dann kalt und regnerisch wurde, sagten sie: Kommt, ihr dürft rein. Und diese Großzügigkeit, die von Herzen kam, nehme ich mit an die nächsten Orte, wo ich hinkomme.
Ehrliche Fragen stellen
Eine stagnierende Gemeinde im Bund FeG, bittet euch Rat: Welche Tipps hättet ihr?
Debora Süslack: Sich ehrlich machen und schauen, woran liegt, und woran lag es denn? Also auflisten: Was ist die Analyse, was kommt raus? Das finde ich wichtig. Dann zu schauen: Wo können wir Hilfe und Beratung bekommen? Ich glaube, es ist herausfordernd, das allein aus sich heraus zu machen, weil wir in unseren Beziehungsstrukturen leben. Es hilft, jemanden zu haben, der einen berät, gute Fragen stellt, auf die man alleine nicht kommt. Oder manchmal Antworten ausspricht, die man sich irgendwann nicht mehr traut, zu sagen.
Dann kommt es darauf an, für was man sich entscheidet, z. B. ein „Replant“: Gibt es eine Gruppe von außen, die an diesem Punkt eine Neugründung oder Gemeindegründung wagt? Ist es möglich, einen Turnaround zu machen? Oder müssen wir schauen, wie wir diese Gemeinde beenden wollen? Es gibt Sachen, die man feiern darf und dabei schaut: Wie nehmen wir die Menschen mit? Welche Wege wählen und gehen wir da? Es kann Gott die Ehre geben, ein Gemeindecomeback zu wagen, ein „Replant“. Genau so kann es Gott die Ehre geben, sich zu entscheiden, die Gemeindearbeit zu beenden.
Markus Schmidt: Wenn ich in die Beratung reingehen würde, würde ich den Zustand analysieren. Gibt es eine Krankheit, vielleicht auch eine Krankheit, die „zum Tode führt“? Das ist dann etwas ganz anderes. Der Umgang damit ist dann im Sinne einer Organspende oder einem „Replant“ oder Ähnlichem.
Wenn jemand zu mir kommt, ohne dass ich die Situation kenne, würde ich sagen: „Guck mal selber, wie gesund – denkst du – ist die Kirche in Lehre, in Struktur und Ähnlichem?“ So wird ein Lösungsfokus geschaffen und man kommt ein bisschen aus der Problemhypnose raus.
Und zu guter Letzt würde ich dem Menschen – häufig sind das ja die Pastoren, die Pastorinnen oder jemand, der die Hauptverantwortung hat – sagen: „Hey, du bist der CEO.“ Und damit meine ich: „Du bist der Chief Energy Officer.“ Das Maß an Energie, das ich in diesen Prozessen habe – egal, ob wir ein Turnaround schaffen wollen, oder ob wir die Gemeinde quasi in den Tod begleiten – ist entscheidend. Ich muss mein Energielevel managen und gucken, was gibt mir geistliche Energie. Das ist so entscheidend in diesen Prozessen, weil egal, wie der Prozess ausgeht, ist dieser etwas, den ich aktiv steuere.
Was hilft euch, in Stagnation und im Wachstum durchzuhalten und dranzubleiben?
Markus Schmidt: Also ich bin durchaus vertraut mit verschiedensten Phasen. Und selbst wenn eine Gemeinde wächst, ist das nicht immer easy. Jeden Morgen, wenn ich vom Beten komme – ich gehe dabei immer spazieren – habe ich fünf, sechs Affirmationen, die ich mir sage. Eine dieser Affirmationen ist: „Jesus, durch dich wird die Gemeinde gebaut. Ich mache Jünger, du baust Gemeinde. Du bist es, der der Gemeinde täglich hinzufügt, die gerettet werden sollen. Und du bist es, der die Arbeiter aussendet.“
Mein Fokus ist Jünger machen. Ich bin dankbar für die Phasen, in denen das gut läuft. Und das ist mir ein Anker und ein Halt bei allen Beschwernissen. Ich sage: „Jesus, ich kann eh nichts machen. Du baust. Und wenn es eine Krankheit ist, die uns hier gerade übel mitgespielt, dann musst du mir auch das zeigen.“ Das hilft mir enorm in meinem Alltag mit den Höhen und Tiefen, die Gemeindegründung ja auch so mit sich bringt.
Debora, hast du noch was?
Debora Süslack: Während wir gerade noch viel über Zahlen gesprochen haben, also dass wir mehr werden, ist es – glaube ich – trotzdem wichtig, Menschen weiter auszubilden, Jüngerinnen und Jünger Jesu zu sein. Sie zu stärken in ihrer Beziehung zu Gott, zu ihrem Nächsten. Und das nicht aus den Augen zu verlieren. Dieses Ziel, Gott zu lieben, die Menschen zu lieben und im Missionsauftrag – egal, welche Größe wir haben von der Anzahl der Menschen her. Sie darin auch auszubilden und dann hinauszugehen – vielleicht auch in eine andere Gemeinde hinein.
Danke für eure Einblicke und Impulse!
Artur Wiebe | Redaktionsleiter
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