9. Mai 2020 | Aktuell FeG Präses Presse

Botschaften der Freiheit: vier Perspektiven

Eine Einordnung der Coronakrise von Präses Ansgar Hörsting

Vor ein paar Monaten habe ich einen Kompass geschenkt bekommen. Für mich ist er ein Symbol für Orientierung. Der Kompass wurde mir damals mit dem Hinweis geschenkt, dass ich selbst Orientierung brauche und sie anderen auch geben soll. Ein Kompass funktioniert ohne Strom und auch im Nebel. Er sagt mir nicht sehr detailliert und konkret wie das „Navi“, wann und wo ich abbiegen soll. Ich höre keine Stimme, die mir sagt, ich solle die „erste links und danach die zweite rechts“ abbiegen. Ein Kompass zeigt mir die Richtung an, denn er orientiert sich selbst an magnetischen Kräften und hilft dem Benutzer, sich zu orientieren. Wir Menschen brauchen Orientierung für unser Leben: Jemand, der uns die Richtung zeigt. Jesus ist derjenige, an dem wir uns orientieren können: in nebeligen Zeiten, in orientierungslosen Zeiten und in „Coronazeiten“ wie wir diese Monate inzwischen nennen.

Ich möchte Ihnen sagen, was ich von Jesus empfangen habe. Es sind Botschaften der Freiheit.

1. Jesus: „Ihr gehört mir!“

Zuerst höre ich Jesus sagen: „Leute, ihr gehört mir[1]! Nichts kann euch aus meiner Hand rauben[2]. Ich bin Anfang und Ende[3]. Ich bin derselbe gestern, heute und in Ewigkeit[4]. Und deswegen seid ihr frei, mutig und stark[5]. Ihr seid Salz und Licht[6]“.

Es gibt viele Interpretationen und Spekulationen darüber, was das Coronavirus zu bedeuten hat. Was hat es uns zu sagen? Oder auch: Was sagt uns Gott? Dazu gibt es inzwischen viele Stimmen. Ich lese Interpretationen darüber, was Gott damit zu tun hat: Die einen sagen, das Virus sei ein Gericht Gottes. Oder etwas abgemildert: Es sei ein Warnschuss. Manche sagen, es sei die Erfüllung endzeitliche Schreckensvoraussagen. Andere Interpretationen beziehen sich stärker auf gesellschaftliche Fragen. Der Entzug der Freiheitsrechte wird diskutiert: Ist dieser Entzug in Ordnung, um die Schwachen zu schützen oder die Vorbereitung totalitärer Strukturen? Könnten die Maßnahmen nicht ein Vorbild für Maßnahmen sein, die nötig sind, um die Klimakrise in den Griff zu bekommen? Wiederum andere fassen ihre Beobachtungen und Interpretationen so zusammen, dass daraus bestimmte Theorien entstehen: Das Virus und alle ergriffenen Maßnahmen seien letztlich geplant (oder werden dahingehend genutzt), um gesamtgesellschaftliche Ziele zu erreichen: Wirtschaftliche oder digitale Kontrolle, verursachtes Chaos als Voraussetzung zur Machtergreifung von autoritären Führerpersönlichkeiten. Diese Überlegungen münden letztlich in Verschwörungstheorien, die bedrohlich und abstrus klingen. Für deren Anhänger jedoch sind sie der Bezugsrahmen für ihr Denken. Sie sehen sich als diejenigen, die den wahren Durchblick durch die verwirrenden Zusammenhänge haben. Jede neue Information wird in den Rahmen dieser Theorie gezwängt. Das System gerät dadurch nicht ins Wanken, denn Informationen werden als Lügen interpretiert und abgetan. Dahinter steckt das Bedürfnis, in unsicheren Zeiten ein Träger von gesicherten Informationen zu sein. Diese vermeintliche Sicherheit, die solch eine Verschwörungstheorie gibt, ist der tiefere Grund dafür, dass sie beliebt sind.

Wir werden immer diskutieren müssen, wie Ereignisse in der Welt zu interpretieren sind. In der Regel weiß man erst später, wie die wirklichen Zusammenhänge waren. Wenn man jedoch mitten im Geschehen steckt, tut man gut daran, sich nicht allzu sicher zu sein. Der Apostel Paulus gab seinem jungen Mitarbeiter Timotheus den Rat: „Mit den unheiligen und kindischen Spekulationen hingegen, mit denen sich jene Leute befassen, sollst du dich nicht abgeben. Über dich vielmehr darin so zu leben, dass Gott geehrt wird.“ (1. Timotheus 4,7 | NGÜ)

Ich bin ein Fan der „Offenbarung“ geworden, dem letzten Buch der Bibel. Es ist vor allem eine Botschaft für die bedrängte Gemeinde – und die bedrängte Welt. Ihre Botschaft lautet: „Ich bin der erste und der letzte“ spricht Jesus, „und ich habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches“ (Offenbarung 1,17-18). Es ist die Nachricht, dass er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird, ohne Schmerz, Geschrei und Tod und dass das Böse vernichtet wird und Gott alles in allem sein wird (Offenbarung 20-21). Doch bis dahin wird geweint und gestorben. Dieses Buch ist weniger ein Fahrplan der letzten Zeit als ein realitätsnahes Ermutigungsbuch für alle Zeiten.

So wenig ich eine abgesicherte Überzeugung und eine exakte Interpretation der Geschehnisse habe, so sehr habe ich eine feste Überzeugung zu dem, was bleibt und feststeht: dass Jesus Christus Anfang und Ende der Geschichte ist, dass ich ihm gehöre und dass ich deswegen allen Grund habe, frei, mutig und stark zu sein. Nicht durch mich, sondern durch die Gemeinschaft und die Kraft Gottes. Das ist entscheidend! Diese Freiheit, dieser Mut, diese Kraft macht mich lebenstauglich. Es macht mich immun gegen die Nervosität der Horrorszenarien, die vor Augen gemalt werden. Es macht mich auch realistisch: Ich leugne nicht, dass Gefahren drohen, ob sie nun durch das Virus oder durch gesellschaftliche Fehlentwicklungen kommen. Doch diese Gefahren überraschen und lähmen mich nicht. „Mut ist Angst, die gebetet hat“, sagte Corrie ten Boom. „Mut ist überwundene Angst, nicht deren Abwesenheit“, ergänze ich. Der Jesus, dem wir gehören, sagt uns: „Ihr seid Salz der Erde und Licht der Welt.” Wir haben einen hilfreichen Beitrag zu leisten, keine Verwirrung. Wir bringen Licht, nicht Irrlicht.

2. Jesus bleibt der Mittelpunkt

Zweitens höre ich eine Botschaft, die einerseits eine Zumutung an uns – den modernen und postmodernen Menschen ist -, aber zugleich die Chance auf Freiheit beinhaltet: Jesus bleibt der Mittelpunkt der Geschichte und des Weltgeschehens. Alles gehört ihm und ist zu ihm hin geschaffen[7]. Sein Wort bleibt[8]. Er bleibt[9]. Und so bleiben auch seine Gerechtigkeit und seine Heiligkeit bestehen. Sein Reich kommt[10]. Es geht um ihn. Und das ist gut. Wir können gespannt sein, was er in der Welt tun wird.

Seit Jahren singe ich ein Lied, das ein Lied der Anbetung Gottes ist: „I’m coming back to the heart of worship, when it’s all about you…”. Wenn es wirklich allein um Jesus Christus geht, dann bin ich im Kern der Anbetung gelandet. Dann geht es nicht mehr um einen Musikstil, um das Umfeld, um den coolen Geschmack oder das Outfit, es geht nicht um das Alter des Liedes, es geht nicht um mich, um dich, sondern allein um Jesus Christus: „It is all about you.“ – „Es geht nur um dich“. Diese Haltung befreit und ich übertrage sie auf die Einordnung und Interpretation der momentanen Krisensituation. In dieser Anbetungshaltung sehe ich einen hilfreichen und richtungsweisenden Orientierungspunkt, der unser Leben heilsam umkrempelt.

Die Art und Weise, wie sehr viele Menschen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie umgesetzt haben zeigt einerseits, dass viele bereit sind, Verantwortung für den Nächsten zu übernehmen. Denn es ging ja bei vielem nicht nur um einen selbst, sondern um den Schutz gefährdeter Gruppen. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der der Mensch in seiner Eigenständigkeit und Individualität den höchsten Wert darzustellen scheint. Kurz vor der Corona – Pandemie wurde diese Haltung vom deutschen Bundesverfassungsgericht bestätigt und befördert zugleich. Es hat das Recht eines jeden Menschen unterstrichen, sein eigenes Leben selbstmächtig zu beenden und Dienste in Anspruch zu nehmen, die ihm das ermöglichen. Bei der Begründung des Bundesverfassungsgerichts setzt es die Würde und Freiheit des Menschen ausschließlich mit dessen Selbstbestimmung gleich. Würde ist auch Freiheit und auch Selbstbestimmung, aber es ist auch Verantwortung vor Menschen und – so würden Christen es sagen – Verantwortung vor Gott.

Es sind Fragen wie diese, die mich beschäftigen und die ich als wichtig ansehe. Worum geht es in meinem Leben? Geht es darum, mit möglichst viel Vergnügen, gesund und munter durchs Leben zu kommen? Geht es darum, die Welt besser zu verlassen als man sie vorgefunden hat? Geht es darum, die eigenen Wünsche zu realisieren? Oder geht es darum, die Wünsche anderer zu erfüllen? Ist es vielleicht ein Mix daraus – je nach Persönlichkeit und Geschmack? Und ist es nicht so, dass wir modernen und postmodernen Menschen unter dem Druck stehen, das Leben zu verwirklichen? Das perfekte Leben zu gestalten? Geht es nicht meist um mich?

Vor Jahren musste ich auf einer Wanderung an einem Bach entlang, einen Sprung in ein Wasserbecken wagen, in das der Bach hinabfiel. Die Höhe betrug ca. 8 m. Als ich den Sprung endlich geschafft hatte, war es pure Freude und ich kletterte noch mal hoch, um den freien Fall ein zweites Mal zu genießen. Genauso ist es mit dem Evangelium von Jesus Christus und der Herrschaft Gottes. Vorher empfinden wir es manchmal als eine Zumutung, denn unsere Autonomie ist in Frage gestellt. Wenn wir uns drauf eingelassen haben, ist es eine Befreiung.

Jesus ist der Sohn Gottes und hat als Mensch gelebt, gewirkt und Gottes Reich gebracht, ist gestorben, damit wir Frieden haben mit Gott. Er ist auferstanden, damit der Tod überwunden wurde. Durch den Heiligen Geist macht er uns heute neu und vermittelt uns all das, was Gott wichtig ist. Wer diesem Jesus Christus vertraut, der gehört ihm. Der kann dann sagen: „It’s all about you“ – „Es geht nur um Dich“. Ich werde in meiner Selbstbestimmung gestört. Aber wenn ich weiß, wer Jesus ist, ist es eine Befreiung. Ich gehöre Gott selbst, der mich unfassbar liebt. Was will ich mehr? Ich muss mich nicht mehr perfektionieren und erlösen. It’s all about you. So verstehe ich Gottes Wort: In dieser Corona-Krise haben wir durch Jesus Zugang zu Gott in seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit. Wir sind keinem Virus ausgesetzt, keiner weltlichen Macht, sondern Gott selbst. Er bleibt. Sein Reich kommt und niemand kann Gott stoppen. Und selbst wenn es zurzeit danach aussieht, als habe etwas anderes die Krone auf, sei es ein Virus, sei es die Ökonomie, sei es der selbstbestimmte Mensch, sei es dieses oder jenes Reich, was auch immer es sei: Gottes Reich wird kommen. Sein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Das, was zunächst wie eine Zumutung aussieht, ist große Freude und Freiheit.

In diesem Zusammenhang auch ein Wort zu unseren Gottesdiensten. Worum geht es bei einem Gottesdienst? Ich erkläre das mit den fünf „Vs“: Verherrlichung Gottes, Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus, Versöhnung feiern, Veränderung von Menschen und Verbindung untereinander stärken. Insofern dies in Gottesdiensten geschieht: wunderbar. Wenn nicht, sollten wir nach Alternativen suchen, oder die Gottesdienste entsprechend umgestalten. Das gilt in Coronazeiten und es gilt danach. Denn es geht um Jesus Christus und nicht um die Durchführung gewohnter Programme.

3. Erkennt eure Verletzlichkeit

Drittens höre ich Gott sagen: Erkennt eure Verletzlichkeit[11]. Seht der Wahrheit ins Gesicht. Und werdet so frei von Eurer Lebensmaxime „Wir wollen immer mehr, wir leben immer besser und vor allem immer sicherer“. Ein solches Leben gibt es nicht. Die Menschheit löst ein Problem und es entsteht ein neues[12]. Das ist die Realität und es wird immer so bleiben. Ihr seid verletzlich. Erkennt ihr es denn nicht?

Verletzlich ist jemand, den man verletzen und dadurch gefährden kann. Skydiver, Skifahrer und Motorradfans kalkulieren die Gefahr in gewisser Weise ein. Manche halten sich für unverletzlich. Sie leben am gefährlichsten. Die Corona-Krise ist wie ein Brennglas, unter dem wir vergrößert die Verletzlichkeit unserer modernen und postmodernen Welt erkennen: Wir erkennen, wie sehr Lieferketten quer über den Globus unser Leben bestimmen und wie sie abbrechen können. Wir sehen, dass der Lockdown alle betrifft. Wir sehen, dass ein kleines Virus einen Menschen töten, sogar viele Menschen töten kann. Wir sehen, dass wir etwas tun können zu unserem Schutz, aber zugleich ahnen wir, dass das Grenzen hat. Wir wissen, dass wir irgendwann an etwas anderem sterben werden.

Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir auch, dass zuerst die Ärmsten der Armen vor dem absoluten Nichts stehen. Sie sind verletzlicher, weil sie keine Geldreserven haben, weil in vielen Ländern das Gesundheitssystem wenig entwickelt ist und weil ihre kleinen Einkünfte in direkter Weise davon abhängen, dass die Weltwirtschaft brummt. Wir erkennen, wie sehr wir unseren Wohlstand aufbauen auf einer weltwirtschaftlichen Vernetzung. Dies einzustellen, wie manche es im Namen eines einfachen Lebens oder im Namen des Klimas fordern, trifft zuerst die Armen, die Verletzlichen. Und es trifft alle, in irgendeiner Weise. Ein Kleinunternehmer, der gerade eine neue Geschäftsidee ins Leben ruft, kämpft genauso ums Überleben wie manche großen Unternehmen und die kleinen Leute. Das Virus konnte so schnell grassieren, weil wir so vernetzt leben. So sind dementsprechend auch die Maßnahmen weltweit ergriffen worden, ein wohl einmaliger Einschnitt in den Verlauf der Menschheitsgeschichte.

Das müssen wir realisieren: Es gibt kein Leben, in dem es immer nur schöner, schneller, reicher und gesünder zugeht. Mir passt das zwar nicht, aber es ist die Realität. Ich ertappe mich immer wieder einmal dabei, dass ich doch insgeheim den Traum träume, dass ich bis zum 90. oder 99. Lebensjahr, munter, fröhlich, gut versorgt und im vollen Besitz meiner Kräfte lebe und dann friedlich einschlafe. Wer hat diesen Traum nicht – in unterschiedlichen Varianten? Ich muss diesen Traum aufgeben. Verletzlichkeit heißt, dass es mich schnell erwischen kann. Corona ist ja nur ein Virus und eine Krankheit. Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass es nicht immer herrlicher und schöner wird. Ich kann mir vieles wünschen und tue es auch, aber wohl dem, der seine Verletzlichkeit erkennt. Genau das geschieht in diesen Tagen und das verunsichert uns zutiefst. Doch es kann eine heilsame Verunsicherung sein. Denn wenn ich falsche Sicherheiten aufgebe, kann ich echte Sicherheit bekommen. Warum sollte ich mein Leben auf der Lüge aufbauen, ich sei unbesiegbar? Das kann nur zu Enttäuschungen führen. Meine Verletzlichkeit bringt mich dahin, bei dem Sicherheit zu suchen, der den Tod überwunden hat: Jesus Christus.

Doch macht dies unsere globale Wirtschaft nicht sicherer. Es verhindert nicht Krankheit und Tod – all das wird bleiben. Und genau darum geht es mir ja bei diesem Punkt. Der inzwischen berühmt gewordene Virologe Drosten sagte einmal: „Wir verhandeln nicht mit Virologen, sondern mit der Natur.“ Manche meinen ja, die Natur sei immer unser Freund. Das ist jedoch eine sehr romantische Sicht auf die Dinge. Die Natur, so schön und wunderbar von Gott gemacht, hat auch die dunkle Seite. Die Natur hat den Schatten des Todes und das spüren wir. Wer seine Verletzlichkeit und die der Welt erkennt, der fängt an, sein Leben auf einen anderen Grund zu bauen als sich selbst. Die Menschheit braucht jemand anderes, außerhalb seiner selbst. Deswegen liegt in der Krise eine Chance. Wenn wir uns der Realität stellen, haben wir die Chance, unser verletzliches, kleines, manchmal gescheitertes Leben in die Hände dessen zu legen, der in seiner Gnade alles neu machen wird.

4. Gottes Reich zuerst

Trachtet zuerst nach Gottes Reich. Alles andere wird sich zeigen[13]. Alles was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut ihnen auch[14].

Ich verstehe Gottes Reden in diesen Tagen so: Weil ihr wisst, wem ihr gehört, weil ihr mich, den heiligen Gott, kennt und weil ihr wisst, dass diese Welt verletzlich ist, konzentriert euch doch einfach auf das, was klar und euch aufgetragen ist. Doch was ist das? Ich sehe es zusammengefasst in „Trachtet zuerst nach Gottes Reich“ und mit „Alles, was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut ihnen auch.“ Man könnte auch das Doppelgebot der Liebe nehmen: Gott lieben, ganz, und den Nächsten wie sich selbst. Mir geht es darum, dass wir angesichts komplizierter Fragen gut daran tun, uns auf das zu reduzieren, was wir klar wissen. Das ist ein typisches und gesundes Verhalten in Krisenzeiten. Denn ja: Krisen verunsichern. Krisen zeichnen sich dadurch aus, dass Informationen nur stückchenweise durchsickern, dass wir noch nicht genau wissen, wie es ausgehen wird. Die Komplexität der Corona-Pandemie ist immens. Gut, wenn wir wissen, worauf es ankommt. Es ist für mich interessant und entlastend zu sehen, dass sich Anhänger verschiedenster Lager und Interpretationen dieser Zeit – auch im christlichen Bereich – am Ende doch auf eins immer verständigen können: Wir haben den Auftrag diese Welt zu lieben. Gott regiert und sein Reich kommt. Also lasst uns danach leben.

Was ist die zentrale Botschaft, wenn Jesus Christus gesagt hat, wir sollen wachsam sein in den letzten Tagen? Wachsamkeit bedeutet, so zu leben, dass Jesus jeden Tag kommen und die Welt jeden Tag ein Ende nehmen kann. Wachsamkeit bedeutet, Gottes Willen zu tun, seine Herrschaft zu suchen und vor allem in seiner Liebe und Gnade verwurzelt zu sein und zu bleiben und in diesem umfassenden Sinne bereit zu sein. Wir wissen sowieso nicht, wann Gottes großer Tag – Jesu Wiederkunft, Gottes Gericht und vieles mehr – sein wird. Warum soll ich mir also den Kopf über Zeiten zerbrechen. Nicht mal Jesus weiß von diesem Tag (Apostelgeschichte 1,7). „Lebe so, dass der letzte Tag heute sein kann“. Das war immer die Quintessenz gesunder, christlicher Eschatologie (die Lehre von den letzten Dingen). Wer in diesem Sinne wachsam ist, vergeudet keine Lebenszeit mit Spekulationen, sondern er lebt wach.

In dieser Lebenshaltung liegt Kraft. Denn wer so lebt, lebt nach vorne gewandt. Er kann die Krise als Chance begreifen und fragen: Was nehmen wir mit in die Zukunft? Es kann heute alles vorbei sein, aber bis es so weit ist, gestalten wir mit, schaffen neue Ideen, sind kreativ und sind Teil von Gottes Herrschaft. Denn Gott ist innovativ. Das ist geradezu sein Wesensmerkmal. Er schafft neue Herzen, neue Menschen und sein Reich. Unsere Mission ist, Gott zu lieben und den Nächsten. Das Evangelium von Jesus Christus zu sagen und zu leben. Gemeinden sind dazu da, diese in die Praxis umzusetzen und darin Gott zu verherrlichen. Und ich bin begeistert zu sehen, wie vielfältig und kreativ das geschieht.

Befreit leben

Mit diesen Orientierungspunkten können wir leben. Sie befreien uns und stellen uns auf weites Land (Psalm 18). Gott selbst befreit uns für andere. Unsere Sorgen, die sich gerne in den Vordergrund spielen und das Steuer übernehmen, haben nicht die Macht, sondern Gott, der uns von unseren Sorgen befreit. Ich habe den Satz „Dies alles wird euch zufallen.“ frei übertragen mit „Alles andere wird sich zeigen.“

Wenn wir einen Kompass benutzen, haben wir keine Detailinformationen über den Weg, den wir einschlagen werden. Wir bekommen nur die Richtung angezeigt. „Es wird sich zeigen“ heißt: Auf dem Weg, werden wir Führung Gottes erfahren. Er wird uns mit dem versorgen, was wir brauchen. Diese Sorglosigkeit gibt uns ein freies Herz und einen freien Kopf für die Zukunft. Das ist für mich lebendige Gemeinde. Sie zeichnet sich durch solche Menschen aus. Es macht einfach Freude, dazu zu gehören.

Ansgar Hörsting | Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland | praeses.feg.de

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Fußnoten und Verweise

[1] Römer 14,8

[2] Johannes 10,28

[3] Offenbarung 21,6

[4] Hebräer 13,8

[5] Josua 1,9; Johannes 8,31-36

[6] Matthäus 5,13-14

[7] Kolosser 1,15-20

[8] Lukas 21,33

[9] Hebräer 7,24

[10] Matthäus 13

[11] Offenbarung 21,4; Lukas 4,18

[12] Genesis 3-11

[13] Matthäus 6,33-34

[14] Matthäus 7,12