Beten lernen mit Jesus
Das Vaterunser als Wegweiser für unser Leben
Als die Jünger Jesus baten: „Herr, lehre uns beten“, erklärte er ihnen kein kompliziertes Gebetssystem und keine besonderen Techniken. Er gab ihnen ein Gebet, das bis heute Millionen von Menschen begleitet: das Vaterunser. Doch dieses Gebet ist weit mehr als eine Formel zum Auswendiglernen. Es zeigt uns, wie Jesus selbst das Beten verstanden hat und welche Haltung unser Gebet prägen soll.
1. Der Blick weg von uns – hin zum Vater
Auffällig ist, womit das Vaterunser beginnt. Nicht mit Sorgen, nicht mit den eigenen Bedürfnissen oder Problemen. Jesus richtet unseren Blick zuerst auf Gott: „Unser Vater im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“
Beten beginnt deshalb mit der Frage an uns: Zu wem bete ich eigentlich? Jesus lehrt uns nicht, in einen leeren Raum hinein zu sprechen. Wir beten zu unserem Vater. Zu dem Gott, der uns kennt, liebt und versorgt. Zu dem Gott, der Himmel und Erde und uns darin geschaffen hat und dessen Herz zugleich voller väterlicher Fürsorge für seine Kinder ist.
Wer vor allem auf sich selbst schaut, bleibt im Gebet oft von seinen Sorgen beherrscht. Wer aber zuerst auf den Vater schaut, gewinnt eine neue Perspektive. Die Größe Gottes setzt von Beginn an die Größe unserer Probleme in ein neues Verhältnis. Und diesen großartigen Gott stellt Jesus uns als ABBA vor. Als zutraulich nahen, fürsorglichen Papa. Richtig übersetzt lautet das Gebet eigentlich nicht „Vater unser im Himmel“, sondern: „Unser Papa in den Himmeln“.
Jesus will uns also erstmal klar machen, zu was für einen Gott wir da eigentlich beten. Danach erst bringt er uns bei, wofür wir beten sollen. Jesus lenkt unseren Blick auf Gottes Anliegen:
- Geheiligt werde dein Name.
- Dein Reich komme.
- Dein Wille geschehe.
Das Reich Gottes steht bei Jesus immer im Zentrum. Manche meinen, wer für Gottes Reich betet, vernachlässige die eigenen Bedürfnisse. Doch genau das Gegenteil ist wahr. Wer für Gottes Reich betet, kommt selbst nicht zu kurz. Denn er betet für das, wozu sein eigenes Leben bestimmt ist: in Gottes Reich zu leben, unter seiner Herrschaft zu stehen und an seinem Wirken teilzuhaben.
Wenn wir beten „Dein Reich komme“, dann bitten wir darum, dass Gottes gute Herrschaft immer mehr sichtbar wird – in unserem Herzen, in unseren Familien, in unseren Gemeinden und in dieser Welt.
Und wenn wir beten „Dein Wille geschehe“, erkennen wir zugleich mit Jesus eine Realität an: Gottes Wille geschieht auf dieser Erde noch nicht vollständig. Sonst sollten wir nicht darum bitten. Noch gibt es Ungerechtigkeit, Leid, Sünde, Hass und Zerstörung. Darum nimmt Jesus uns hinein in sein eigenes Anliegen, damit wir voller Hoffnung beten, dass Gottes guter Wille immer mehr Raum gewinnt – bis zu dem Tag, an dem sein Reich sichtbar vollendet wird.
2. Das Leben der Kinder im Blick
Erst nachdem Jesus unseren Blick auf unseren Papa im Himmel und sein Reich gelenkt hat, spricht er von unseren Bedürfnissen: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“
Hier zeigt sich etwas ganz Besonderes. Jesus macht uns mit dieser Bitte klar: Euer Papa in den Himmeln interessiert sich nicht nur für die großen geistlichen Themen. Er interessiert sich auch für das ganz normale Leben seiner Kinder.
Das tägliche Brot steht für alles, was wir zum Leben brauchen. Es umfasst die Versorgung unseres Körpers:
- Nahrung und Trinken
- Gesundheit und Kraft
- Schlaf und Erholung
- Arbeit und die notwendigen materiellen Mittel
Aber es umfasst ebenso die Versorgung von Geist und Seele:
- gute Freundschaften
- liebevolle Beziehungen
- Frieden mit anderen Menschen
- Freude und Hoffnung
- Orientierung und Weisheit
Jesus macht deutlich: Materielle Bitten sind keineswegs unwichtig oder ungeistlich. Wir sollen sie ausdrücklich Gott gegenüber aussprechen. Manchmal werden geistliche und materielle Bedürfnisse gegeneinander ausgespielt. Doch das entspricht nicht dem biblischen Menschenbild. Der Mensch ist Leib, Seele und Geist. Gott sorgt für den ganzen Menschen. Jesus sagt zwar an einer Stelle: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Aber ebenso wahr ist, was er uns mit dem Vaterunser über das Gebet beibringt: Der Mensch lebt auch nicht ohne das tägliche Brot. Darum dürfen wir Gott um die Miete bitten, um Arbeit, um Gesundheit, um eine offene Tür, um Kraft für den Alltag und um alles, was wir für das Leben benötigen.
3. Vergebung und versöhnte Beziehungen
Danach geht es für uns in Jesu Gebetslehre weiter: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Wer mit Gott lebt, weiß, dass er von Vergebung lebt. Niemand steht aus eigener Gerechtigkeit vor Gott. Wir brauchen täglich seine Gnade. Daran erinnert uns Jesus. Und auch daran, dass empfangene Vergebung immer weiterfließen möchte. Wer die Barmherzigkeit Gottes erlebt, wird selbst barmherziger gegenüber anderen Menschen und soll Vergebung leben. Darum gehören für Jesus Frieden, Versöhnung und die Heilung von Beziehungen ebenfalls zu den wichtigen Anliegen unseres eigenen Gebetslebens.
4. Bewahrung vor Versuchung
Besonders tiefgründig ist dabei die Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Jesus selbst wurde vom Heiligen Geist in die Wüste geführt und dort vom Satan versucht. Er widerstand dieser Versuchung vollkommen. Doch wenn wir ehrlich sind, wissen wir: Unsere eigene Kraft und unser eigener Glaube reichen oft nicht aus. Viele Versuchungen würden uns überfordern. Viele Wüstenzeiten würden uns an die Grenze unseres Glaubens bringen. Darum, sagt Jesus, dürfen und sollen wir beten: „Papa, bewahre mich vor Wegen, die mich zu Fall bringen. Bewahre mich vor Situationen, die meinen Glauben zerstören könnten. Bewahre mich vor den Versuchungen, die mich von dir wegziehen wollen.“ Das ist kein Ausdruck von Schwäche, sondern von Weisheit.
Wir erkennen an, dass wir Gottes Schutz brauchen. Natürlich kann Gott uns auch in schwierigen Zeiten tragen. Doch wir dürfen ihn ebenso bitten, uns vor unnötigen Kämpfen zu bewahren und uns in Prüfungen, wenn sie kommen und uns überfordern, festzuhalten.
5. Aus Gottes Gegenwart ins Leben
Das Vaterunser endet nicht bei unseren Bitten. Es endet mit einem Blick auf Gott: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Auch wenn dieser Lobpreis in einigen Bibelhandschriften nicht zum ursprünglichen Text des Matthäusevangeliums gehört, bringt er doch die Wahrheit des gesamten Gebets und die Gebetslehre Jesu wunderbar zum Ausdruck. Wir beginnen das Gebet mit unserem Papa und wir beenden es mit unserem Papa. Wir richten unseren Blick noch einmal weg von unseren Anliegen und hin zu seiner Größe.
Dein ist das Reich.
Das Reich Gottes ist nicht unsere Leistung. Gott selbst regiert. Seine Herrschaft trägt die Geschichte und auch unser persönliches Leben.
Dein ist die Kraft.
Wir müssen nicht aus eigener Stärke leben. Die Herausforderungen des Alltags, die Kämpfe des Glaubens und die Aufgaben, die vor uns liegen, müssen nicht aus unseren begrenzten Möglichkeiten bewältigt werden. Die Kraft, die wir brauchen, kommt von Gott.
Dein ist die Herrlichkeit.
Am Ende geht es nicht um unseren Erfolg, unsere Ehre oder unsere Anerkennung. Alles läuft auf Gott zu. Er ist das Ziel aller Dinge und er allein verdient die Ehre. So endet das Vaterunser mit einer wichtigen Bewegung: Auch wenn das Vaterunser insgesamt aus nichts als Bitten besteht, bleiben wir nicht bei unseren Bitten stehen. Wir verweilen nicht bei unseren Sorgen. Wir versinken nicht in unseren Problemen. Vielmehr tauchen wir aus dem Gebet wieder ins Leben auf – mit einem neuen Blick. Wir gehen hinein in unseren Alltag, in unsere Familie, in unsere Arbeit und in unsere Aufgaben, getragen von der Gewissheit, dass das Reich Gott gehört, dass seine Kraft uns zur Verfügung steht und dass seine Herrlichkeit über allem steht.
Beten bedeutet deshalb nicht, der Wirklichkeit zu entfliehen. Beten bedeutet, in Gottes Gegenwart einzutreten, um anschließend aus seiner Gegenwart heraus zu leben.
Aus seinem Reich.
Aus seiner Kraft.
Aus seiner Herrlichkeit.
Und so sagen wir voller Vertrauen:
Amen. So soll es sein.
Foto: FeG Deutschland | NU
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